Nach dem Kraftakt gestern habe ich mir heute etwas Zeit gelassen. Die nächste Etappe zu einem See hoch in einem Seitental Richtung Großer Sankt Bernhard war auch nicht so lang. Trotzdem wollte ich sogar mit dem Bus etwas abkürzen. Allerdings musste ich feststellen, dass es in der Schweiz tatsächlich asphaltierte Straßen gibt, in denen KEIN Bus fährt. So bin ich zu Fuß los, und hatte mir vorher noch ein bisschen Martigny angeschaut.
Nun ja. Die Innenstadt wirkt etwas verunglückt, eine lose Ansammlung von unzusammenhängenden Quadern mehr oder weniger gelungener Modernität. Außerdem hat sie dasselbe Problem wie beispielsweise Innsbruck: die Stadt ist selbst absolut flach, aber direkt hinter den letzten Häusern kommen gigantische Berge. Als sei die Stadt in einer Schuhschachtel gebaut. Und alt ist hier auch nicht immer alt, ein kleiner Eindruck:
Aber egal, ich mag Städte am morgen. So bin ich einfach der Hauptstraße gefolgt. Dabei läuft man geradewegs auf das Tal zu, in dem die Straße nach Chamonix verläuft. Ergo nach Frankreich. Und passend folgte später ein kleines Viertel mit tatsächlich französischem Flair.
Da habe ich mich gefragt, wieso ich eigentlich jetzt einen Umweg nehme. Der Plan war ja, über den Großen Sankt Bernhard ins Aostatal und über dessen Seitental Valgrisenche nach Lac de Tignes zu wandern. Das fühlte sich seltsam falsch an. Wieso links abbiegen, wenn es doch einfach gerade aus geht? Außerdem habe ich gerade an französischem Style und Sprache Gefallen gewonnen. Es macht Spaß, ein bisschen zu verstehen – geschrieben und gesprochen – und ab und zu einen zurecht gelegten einfachen Satz zu platzieren. Was soll ich da in Italien?
Das Ergebnis: Planänderung. Ich bin heute an den Zielort Champex-Lac weitergegangen, weil die Wirtin morgens angerufen hatte und wissen wollte, ob ich komme. Habe ich natürlich bejaht. Also wollte ich nicht kneifen. Aber morgen fahre ich mit Bus und Bahn nach Martigny zurück und gehe den neuen Weg Richtung Chamonix.
Heute aber habe ich erstens die imposante Schlucht Gorges du Durnand mit noch imposanterer Wegeführung erlebt. Das waren wirklich fast ausschließlich stumpf freischwebend an den nackten Fels geschraubte Treppen, sonst nicht. Über fast 200 Höhenmetern. Und für nur 9 Franken bist Du dabei. Ich war beileibe nicht alleine hier.
Zweitens habe ich ein ruhiges, entspanntes Tal erlebt. Es gehört offensichtlich Wochenend- und Ferienhäuslern, die eine ruhige Ecke auf dem Sonnenbalkon suchen. Mal ohne …
… mal mit Waliser und oft zusätzlich noch Schweizer Flagge (andersrum hab ich es meiner Erinnerung nach nicht gesehen: Schweizer ohne Waliser Flagge geht hier wohl nicht).
Außerdem gabs noch ein paar Rad- und Motorradfahrer auf dem schmalen Landsträßchen, sonst war Ruhe. Das passte gut zu dem endlich wieder sonnigen Tag. Und auch die Urlauber am namensgebenden See konnten das genießen. Siehe oben.

