Der Tag begann eindrucksvoll mit einem sehr frühen Blick zum Mont Blanc, wo auf einem vorgelagerten Gipfel ein helles Licht zu sehen war. Das war bestimmt für die Bergsteiger, die bei diesem idealen Wetter vermutlich in voller Hüttenbesetzung schon unterwegs waren. Das finde ich immer wieder beeindruckend, auch wenn ich in diesem Leben wohl nicht auf den Mont Blanc steigen werde. Als ich selbst dann circa 8 Uhr wirklich losgewandert bin, müssten die ersten schon auf dem Gipfel sein. Man muss wegen der nachmittäglichen Steinschlaggefahr ja zusehen, früh wieder weit genug unten zu sein.
Und was ich dann morgens auch noch gesehen habe, war die irrsinnige Seilbahn auf die davor gelegene Aiguille du Midi. Die überwindet mit einem mehr als 2 Kilometer langen Seil ohne irgendwelche Stützen über 1400 Höhenmeter. Die Gondel leuchtete in der Morgensonne, reflektierte einen kleinen Lichtpunkt auf die Felsen und schwebte im Himmel wie ein Flugzeug. Fast wäre ich raufgefahren, es ist auch nicht so irrsinnig teuer wie die Bahn auf’s Jungfraujoch. Die Erinnerung an den Rummel auf diesem hat mich abgehalten.
Aber eigentlich wollte ich was über die französische Hüttenkultur schreiben, ich war nach der Übernachtung sofort wieder an frühere Wanderungen erinnert. Und auch wenn das nicht nur in Frankreich so ist. Vorangestellt: es ist nicht blöd und völlig ok. Ich komme damit zurecht. Aber es ist halt anders, denn der Grundgedanke ist immer: der Wirt macht so wenig wie möglich, denn der Gast zahlt so wenig wie möglich. Aus der Perspektive einer Hütte in unwegsamer Höhe ohne Wasserzugang macht das Sinn, wenn alles nach oben getragen werden muss und einfach wenig „Refuge“ oder „Gite“), die ich kennengelernt habe, nicht der Fall. Sondern es ist eine Kulturfrage, die Wanderungen halbwegs preiswert und damit für das ziemlich junge Zielpublikum erschwinglich macht. Also: es gibt im Prinzip alles, aber es ist im Zweifel billig selbst zusammengezimmert. Die Refuge heute war wirklich gut. Sie wurde in eine kleinen Ansammlung von Almhäuschen mit viel Verstand installiert. So sieht das aus:
Eines der Häuschen war das Sanitärhäuschen mit Duschen (genug Wasser, warmes Wasser, im Preis inbegriffen, alles nicht selbstverständlich !), Wassertoiletten (auch nicht selbstverständlich), aber halt nur 2 für ungefähr 25 Gäste. Geht natürlich. Andere Häuschen waren als Unterkunft hergerichtet. Die Gäste schlafen in abgetrennten 4er-Kabinen, man hört aber alles von jedem. Hat mich überhaupt nicht gestört, ich habe gut geschlafen, anscheinend hat niemand geschnarcht. Außer vielleicht ich selbst. Der Wirt stellt ein Kissen und eine Wolldecke, der Gast schläft in einem dünnen, selbst mitgebrachten Seidenschlafsack. Damit müssen Kissen und Wolldecke nicht dauernd gereinigt werden. Diese Gite heute bietet sogar Zelte an, ziemlich cool:
Und was auch immer wieder Gäste machen: einfach das eigene Zelt mitbringen, dann sind nur Sanitärnutzung und Verpflegung zu zahlen. Apropos: auch das hat man vereinfacht. Es gibt grundsätzlich nur Halbpension, alle Gäste finden sich zur festgesetzten Zeit ein, man wird an langen Tischen platziert. Da hat man dann die Chance, mit den anderen Gästen zu quatschen. Oder man hat das Kreuz, denen mitteilen zu müssen, dass man nicht quatschen will. Bei mir mal so mal so. Den Tisch decken und servieren machen die Gäste dann selbst: der Wirt stellt alle Geschirr und Besteck an ein Ende des Tisches und die Gäste reichen durch. So geht das dann auch mit der Suppe, dem Hauptgericht, dem Dessert (es gibt immer drei Gänge, das muss man loben). Und abgeräumt wird: richtig geraten, genau so, nur andersrum. Gefrühstückt wird im Buffetformat, das ist nicht so außergewöhnlich. Die Zeiten sind halt enger (heute 6:45 bis 7:30 Uhr), und die Qualität auch aufs wesentliche konzentriert. Um es mal so zu formulieren. Immerhin kam heute der Kaffee aus einer Kanne und nicht aus einem 10l-Wasserkanister (hatten wir auch schon).
Das war’s dann schon und es reicht ja auch. Wifi gibt’s wenn überhaupt für das Cashterminal des Wirts (da geht dann Internet plötzlich, ist aber auch gut so). Es gibt Wäscheleinen fürs Trocknen der Handtücher (bringt man ja auch selbst mit), oder wenn man was wäscht. Alle Handies liegen in Reih und Glied an der Steckdosenleiste, mit der man sie laden kann. Ach ja, und man kann auch ein Picknick kaufen: eine (diesmal) lieblos belegte Stulle, Apfel, Ei, Schokoriegel.
Das erstaunliche an dem ganzen ist erstens, dass sich wirklich alle benehmen und alle grundsätzlich dem anderen trauen. Sonst würde man nicht einfach sein Handy zum Laden rumliegen lassen, seine kompletten Sachen in nicht abschließbaren Häuschen lagern, sowieso kein Zimmer oder wie auch immer man das nennen will, teilen. Aber mit Vertrauen funktioniert es.
Und das zweite: der Aufenthalt hat mich jetzt 67 EUR gekostet inklusive Picknick. Das deckt im Grunde alles ab, was ich an einem kompletten Wandertag brauche. Das ist schon eine Ansage. Und wie gesagt, an der Unerreichbarkeit und den vielen Sherpas, die Lebensmittel nach oben tragen müssen, liegt es nicht. Hier stand das Quad schlicht vor der Tür, mit dem die Leute nach der Arbeit ins Tal gefahren sind.
Es ist eine ganz spezifische Kultur und sie funktioniert richtig gut. Aber man muss es mögen, es ist vielleicht ein bisschen wie Jugendherberge. Und wenn ich es vermeiden kann, vermeide ich es ehrlicherweise.
Zurück zur Etappe. Die war sonnig, schön und entspannt und verlief fast den ganzen Tag am steilen Hang im Wald. Weil das Nadelwald war, viele auch größere Felsen im Weg rumlagen, diese gerne auch bemoost waren, hätte das auch im Harz oder Schwarzwald sein können und ich habe es genossen.
Dann lebt die Etappe noch vom Blick auf die andere Talseite, wie gesagt mit Mont Blanc und Aiguille du Midi, aber auch mit den etwas versteckten Grandes Jorasses:
Man sieht die Nordwand im Talschluss. Diese Nordwand gehörte mal zu den „drei ungelösten Problemen der Alpen“. Will heißen, wie die Nordwände von Eiger und Matterhorn war sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchklettert. Wenn man sich die ungefähr 1 km hohe senkrechte Wand anschaut, versteht man wieso.
Mehr gibt es heute nicht zu erzählen. Es waren wahnsinnig viele Trailrunner unterwegs, ich wollte dieses Phänomen fast zu einer zweiten völkerkundlichen Überlegung heranziehen. Bis mir aufgefallen ist, dass diese Trailrunner aus aller Herren Länder kommen und nächsten Freitag der „Ultra Trail Mont Blanc“ stattfindet. Ein Rennen über 171 km und 9.900 Höhenmetern. Was unsereiner in 10 Tagen wandert, wird hier am Stück gerannt ! Ich sag da einfach mal nichts dazu.
Und zu Chamonix selbst auch nicht. Die Stadt ist wahnsinnig voll, im Zentrum eine Lautstärke wie in einem sehr vollen Freibad, das war diesmal nichts für mich. Ich hab mich in einer stillen Ecke meines charmanten Hotels La Croix Blanche versteckt.

