Der Tag beginnt recht früh, man erwartet uns 6.30 Uhr zum Frühstück. Passt aber. Ich plaudere noch ein bisschen mit James, Joan und Sharon aus Wisconsin. Sie sind gerade erst eingeflogen, um in 10 Tagen die Tour de Mont Blanc zu gehen. Abgesehen davon, dass sie trotz Jetlag witzig waren und nicht geschnarcht haben, ist diese gut vermarktete und organisierbare Tour eigentlich ideal für sie. Man erlebt vom alpinen Hotspot Chamonix über die bewirtschaften Gebiete bis zum ständigen Ausblick auf die Gletscher eigentlich die komplett alpine Welt. Und das in den drei Ländern Frankreich, Schweiz, Italien und man kriegt es auch mit Anreise aus den USA in normale Sommerferien gepackt. Ich wünsche ihnen alles gut und viel Erleben auf dieser Tour.
Meine eigene Etappe beginnt still. Die Gegend hier ist für mich ausnehmend schön. Die Dörfer sind schön, sie sind komplett bewohnt und erkennbar gut in Schuss, die Berge bieten alles vom Bach bis zum Gletscher, es gibt überall gute Wege aber nicht zu viele, und wenn man mal die Feriengebiete ignoriert ist es auch vergleichsweise wenig zugebaut. Es kann hier sehr still sein. Wenn wir Wanderer nicht wären, natürlich. Aber manchmal kriege ich doch einen Eindruck von dieser Stille …
… und der Schönheit, ausnahmsweise mal nicht als Berg.
Man merkt heute aber schon, dass wieder Samstag ist (der letzte Samstag meiner Ferien, ich hab nur noch 7 Etappen!). Es sind wahnsinnig viele Leute unterwegs, und es ist ein Feriengebiet. Und es ist Bettenwechsel in den Ferienhäusern. Im Tal ist von Sommerbiathlon bis Hüpfburg alles da. Man merkt übrigens sofort am fehlenden Grüßen, dass man in der Zivilisation ist. Und ich habe zwei große Gruppen gesehen, die ihr Gepäck von einem Pferd haben tragen lassen. Es gab auch andere Gruppen, zwar mit Wanderführer aber ohne Pferd. Und alle Hütten am Weg waren voll, auch die Alpenvereinshütte, in der ich gelandet bin. Mir gefällt diese Abwechslung, nur Wiese und Schotter sind es auch nicht.
Es ist allerdings eine lange Etappe, ich habe ein Stück der nächsten Etappe angehängt. Ich muss ja immer noch den einen Tag reinholen, an dem ich nach Martigny zurückgekehrt bin. Heute sieht man es vielleicht im Bild, da gaaaanz hinten will ich rüber.
Am Ende fühlte sie sich aber gar nicht so anstrengend an, wie es von den Daten 23 km und 1.600 Höhenmeter zu erwarten gewesen wäre. Es ging sich gut und ich hatte Zeit. Das wäre vielleicht der richtige Moment für eine von Schollis 5000 Wanderweisheiten: ich gehe langsam. Langsamer als fast alle, die ich unterwegs treffe. Vielleicht sind die fitter, mag schon sein. Aber mein Ziel ist immer, entspannt anzukommen. Das klappt auch oft, auch bei langen Etappen. Aber wieso? Erstens macht es einfach Spaß, müde aber entspannt zu sein. Es macht kein Spaß, sehr erschöpft oder gar überlastet zu sein. Und zweitens fühle ich mich gut, Reserven zu haben. Die braucht man nicht oft. Aber manchmal stellt man wie auf meiner Wandermaschinenetappe fest, dass man leider einen Umweg gehen muss. Oder man muss vorm Gewitter fliehen. Oder findet die Unterkunft gräßlich. Oder der Weg ist technisch schwieriger als gedacht und ergo anstrengender. Oder oder oder.
Und heute passierte es auch, in Form der Extrameile. Ich hatte mich die ganze Zeit auf den Pass fokussiert, der zu erreichen war. Und hatte etwas aus den Augen verloren, dass ich ab Pass ja noch eine Stunde zur Hütte weiter muss. Das hat zwar genervt, war aber am Ende eben kein Energieproblem. Und insgesamt war es wieder eine gute Trainingsetappe, ich will ja nebenbei noch für den Berlinmarathon Ende September fit werden.
Ein Foto möchte ich noch zeigen, eine Schieferformation am Anstieg zur Passhöhe. Die Platten sind fast senkrecht geschichtet, so sehr hat es das Gebirge gefaltet. Und der Schiefer hat in der Sonne richtig geglänzt, was auch auffällig schön war.
Und dann möchte ich noch meine Französischfortschritte berichten. Am Rand des Weges saß eine Familie bei der Rast, deren jüngste Tochter mir grinsend sowas wie „Allez“ zugerufen hat. Ich grinse zurück und sage: „Je ne comprends pas“. Darauf sie: „Vouz ne parle pas francais?“ Antwort: „Non, allmand“. Und dann haben wir alle gelacht. Jetzt muss ich nur noch prüfen, ob ich das alles richtig wiedergegeben habe 🙂 Aber das hat Zeit.

