Nachmittagssonne

Es regnet und das Frühstück des französischen Alpenvereins ist sensationell schlecht. Da könnten sie schon noch mal dran arbeiten. Wenigstens hier an der Tour de Mont Blanc, die ihre Hütte immer komplett füllt. Es sind ca 100 Leute hier, und ich kann identifizieren aus: USA, Kanada, Spanien, Chile, Niederlande (wir haben zusammen gegessen), dann hatten wir noch Indien, Frankreich, Deutschland, und was weiß ich noch. Und dann kriegen sie trockenes, hartes, schlecht selbstgebackenes Brot. Und dünnen Kaffee aus (jawoll!) 10-Liter-Plastikcontainern.

Egal. Heute verlasse ich die Tour de Mont Blanc. Ich beende die gestrige Etappe und hänge gleich noch eine Etappe dran. Ich folge damit dem GR5, einem prominenten der vielen nationalen Weitwanderwege Frankreichs. Ich zähle einen einzigen anderen Wanderer, der sich kurz vor mir von der Hütte in diese Richtung aufmacht. Das war’s.

Wegen des Regens bin ich etwas später los, er hatte dann aufgehört. Trotzdem war die erste Stunde wieder eine kleine Mutprobe, der exzellent eingerichtete Weg am Grat war wegen der Nässe an einigen Stellen dennoch rutschig und erforderte ziemliche Konzentration. Es ging halt recht steil runter, direkt daneben. Dann aber folgte ein entspannter Abstieg zu einer kleinen Siedlung an einer Landstraße, und zu meiner Freude klarte der Himmel auf. Das war so vorausgesagt. Und weil der Tag lang wird, hatte ich mich sehr darauf gefreut. Schwierige Etappen gehen sich wesentlich leichter, wenn die Sonne scheint. Keine Ahnung warum, es ist nicht nur die Wärme.

Plan de la Lai

Auf dem Weg hinunter musste ich übrigens meine Behauptung zu den Kühen zurückziehen, bzw. den Bauern. Es gab doch einige Herden heute. Und es gab dann doch auch wieder Bauern, die die Wanderer direkt durch ihre Herde durchlaufen lassen. Na ja, wer ist schon perfekt.

Dafür muss ich mich mal unqualifiziert lobend zu den Hunden hier äußern, die machen einen wirklich coolen Eindruck. Wenn der Wanderer vorbeikommt, schaut man interessiert, und das war’s. Man hält den Mund und kümmert sich um seine Angelegenheiten. Und wirklich viele Hunde müssen hier hinter ihren Besitzern her den Berg rauf und runter rennen. Scheint ihnen gut zu tun. Zwei von ihnen standen hinten auf der Ladefläche eines vorbeifahrenden Pickup, dass sieht auch immer gut aus. Und wirkte routiniert und gekonnt von den beiden.

Der weitere Weg hat dann leider aber genervt. Erstes Problem: die Wolken aus dem Tal zogen etwas hoch und ich stand im Nebel. Mal wieder. Zweites Problem: wir sind eigentlich an einem See, der markierte Wanderweg führt aber ziemlich weit oberhalb über die Grashänge. Den See kann ich so nicht sehen, vielleicht wäre das bei Sonnenschein anders gewesen. Aber was ich sehe: Gras, Gras, Felsen, Gras, Matsch, Matsch, Gras, Matsch, Felsen, Gras … Und das ganze noch nicht einmal locker geradeaus, sondern in einem sinnlosen ständigen Auf und Ab. Ich war echt genervt. Als dann der Anstieg zum Col losging, war ich regelrecht froh, diesen Mist hinter mir gelassen zu haben. Aber der Nebel war immer noch da, fast bis zur Passhöhe selbst. Da konnte ich dann zum ersten Mal sehen, wo ich überhaupt war. Trotzdem bin ich ohne Pause auf der anderen Seite gleich wieder abgestiegen. Es waren ja noch 11 km zu gehen und ich war wegen des Regens spät dran. Zunächst sehr lange eine talauswärtsführende Schotterstraße, dann ein kleiner Pfad in den Wald. Das war genauso zäh wie die Grasorgie im Nebel am Vormittag.

Und als ich mich schon auf den Standardabstieg auf Waldpfaden eingestellt hatte, ging ich um eine Ecke und es passierte das:

Wilde Wiese oberhalb Valezan

Ich stand plötzlich mitten im Sommer. Statt Wald folgte ein offener Wiesenhang, und zwar ein wilder. Es gab nur ein paar Büsche und wenige Bäume. Da waren länger weder Kuh noch Schaf noch Bauer drauf. Es summte und sirrte, ein leichter Wind ließ die Blätter rascheln. Die Hitze flimmerte nicht wirklich, aber ich fühlte mich so. Ein Milan kreist über mir, Schmetterlinge flattern herum, die Grillen zirpen. Und der gesamte Weg ist voller Grashüpfer, die sich anscheinend sonnen. Oder was auch immer sie da machen. Und kurz bevor der Wanderschuh sie trifft, springen sie zur Seite. Wie Moses das Rote Meer geteilt hat. Oder so ähnlich.

Und ich war so froh, auf diese Nachmittagssonne hatte ich den ganzen Tag gewartet.

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