Der erste lange Tag mit fast 20 Kilometern Strecke und 1500 Höhenmetern begann wie immer in der Frühe und wie immer war ab 16 Uhr Regen angesagt. Es sei vorausgeschickt: am Ende haben sowohl das Wetter als auch ich gehalten. Und meine Erwartung eines langweiligen, weil einsamen Tages ohne Wanderteam wurde aufs schönste enttäuscht.
Das ganze ging schon auf der kurzen Etappe nach Gsteig los, nach einigen Minuten sehe ich dort:

Erst hab ich’s nicht gesehen, aber das Haus steht ja komplett in der Luft. Unten drunter steht ein Bagger, man baut offensichtlich eine ziemlich große Garage, Unterkellerung, was auch immer unter dem Haus. Es ist bis auf die alte Holzkonstruktion entkernt, man hat Stahlträger drunter geschoben, es bleibt aber an Ort und Stelle. Das ist schon cool.
Der folgende Anstieg durch Wiesen und Wald war in der Morgenfrische noch sehr angenehm. Es dauerte auch nicht so lange und auf der anderen Seite war es auf Wirtschaftswegen wieder mal ausgesprochen entspannt und ich konnte die Aussicht genießen:

Ich muss zugeben, ich kam ins Zweifeln. Das hatte ich die Tage schon mal. Der Ort lag wie eine Wegscheide vor mir. Geradeaus hinter dem Dorf einfach weiter geht’s wieder aus den Alpen raus, ins mittelgebirgige Hügelland. Links aber geht’s hoch in die Felsen. So meine Idee von Berlinnizzaplus. Aber die Aussicht, noch wochenlang immer nur steil bergauf oder steil bergab zu gehen, unten Dörfer und Wiesen, dann der Wald, dann die Almen, dann der Schotter, oben über den Pass und das ganze rückwärts abgespult bis ich wieder unten im Tal bin … fühlte sich ziemlich ermüdend an. Wie schön können doch die angenehmen Mittelgebirge sein und man kommt ja auch über Jura und Provence nach Nizza. Aber Idee ist Idee und so bin ich links abgebogen auf die nächste Etappe. Mal sehen was da noch alles kommt.
Nach Gsteig wartet die Herausforderung des Tages, 800m hoch zum Sanetsch-Stausee. Wieder mal gibt’s auch eine Seilbahn. Aber als ich die gesehen habe, dachte ich nur „Ach du S***, ich gehe zu Fuß“. Drei dünne Seile fast senkrecht, das ist was für Mutige. So bin ich hoch und zu meiner Überraschung war auf dem Weg ziemlich viel Betrieb. Mountainbiker abwärts, Rentner abwärts, Trailrunner aufwärts, junge Wanderer in beide Richtungen mit und ohne Hund. Obwohl es ein ausgesprochen alpiner aber gut begebarer Weg war – ich hatte eigentlich Einsamkeit erwartet.

Und kaum war ich oben, wusste ich, wo der Betrieb herkam – Autos. Der Pass ist von der anderen Seite aus per Auto erreichbar und ein lohnendes Tagesziel für Ausflügler. Das ist mir schon mal in Südtirol passiert, zu Beginn meiner Wanderkarriere. Wir hatten unseren Anfängermut zusammengenommen, einen steilen durch Fels führenden Weg aus dem Tal auf die Seiseralm genommen, und als wir kletternd über die oberste Felskante geschaut haben, schauten wir auf Rentnersandalen. Die waren einfach mit dem Bus gekommen. So ähnlich wars auch hier.

Eigentlich ist der Pass auch nicht nur ein Pass, sondern eine kleine Hochebene. Der See ist eh flach und das Gelände dahinter steigt über einige Kilometer nur sehr wenig. Viele gehen einfach um den See, essen in der außergewöhnlichen, guten Gaststätte. Oder man macht’s ganz klassisch: Auto parken, maximal 10 m entfernen, Tisch aufbauen, Picknick drauf, chillen.
Und was mich noch überrascht hat: es gibt hier anscheinend eine ganz scharfe Sprachgrenze. Kaum war ich auf dem Anstieg zum See, höre ich nur noch Französisch und sonst nichts. So wie ich im deutschsprachigen Teil der Schweiz niemand französisch sprechen höre, so spricht jetzt niemand deutsch. Es scheint auch kaum einer die jeweils andere Sprache zu beherrschen, jedenfalls hilft mir mein Deutsch kaum noch. C’est la vie! Ich werde mir schnell die wichtigsten französischen Redewendungen draufschaffen.
Am Nachmittag muss ich dann bis zu meiner Unterkunft noch etwas weiter und werde mit den auftauchenden Walliser 4000ern belohnt, zu meiner Begeisterung mitsamt Dufourspitze:

Die Dufourspitze ist für mich was besonderes. In meiner kurzen Bergsteigerkarriere war sie exakt das Ziel, das ich (und eigentlich wir) uns so gerade eben nicht zugetraut haben. Wir waren auf praktisch allen Gipfelchen des Monte Rosa, aber eben nicht auf dem höchsten Berg der Schweiz. Und da ich mich gerade auf den Weg nach Nizza konzentriere, ich also nicht in die großen Höhen komme und damit meine Unsicherheit auf den Gletschern bleibt, wird das mit mir und der Dufourspitze wohl auch nichts mehr. Da passt es bestens ins Bild, dass der Berg vor mir dann doch gar nicht die Dufourspitze ist, sondern sich als Dent Blanche entpuppt.
