Wow

Heute abend endlich wieder Hotel! Mit diesem Gefühl habe ich mich auf den Weg gemacht, mitnichten alleine. Wir sind ungefähr 20 Wanderer in der Refuge, die den GR5 in den nächsten Tagen bis Modane gehen wollen. Da aber jeder seine eigene Etappeneinteilung hat und jeder sein eigenes Gehtempo, geht auch jeder oder jede Gruppe für sich. Es sind ziemlich viele junge Leute dabei, das liegt vermutlich an der Existenz der billigen Refuges und an der Möglichkeit, in Frankreich jederzeit überall sein Zelt aufschlagen zu können. So haben wir Gäste hier, die zwar in der Refuge essen, aber auf der Wiese davor ihr Zelt aufbauen. Und andersrum gibt es Gäste, die zwar in der Refuge übernachten, aber auf deren Terrasse ihr eigenes Essen kochen. Und natürlich mich, der das komplette Angebot der Refuge nutzt.

Heute hatte ich mir vorgenommen, mich aufs Wandern zu konzentrieren. Ich wollte mal keine oder nur wenig Fotos machen. Aber die Etappe stellte sich als so gemütlich und so interessant heraus .. nun ja, es wurden 124 Fotos.

In den ersten Stunden Richtung Passhöhe ging man von der Refuge einfach das Tal weiter hoch, jetzt mitten in der Morgenstille in der Kernzone des Nationalparks. Von ein paar Flachstücken abgesehen …

Auf der Plan de la Plagne

… stieg der Pfad so langsam und gleichmäßig an, dass die Anstrengung kaum zu merken war und mehr Zeit als sonst für Pausen blieb.

Mir war langweilig

Unterwegs habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wieso im Nationalpark Hunde verboten sind, auch mit Leine. Ein Schild weist extra darauf hin. Aber trotzdem Kühe der zur Refuge Entre le Lac gehörenden Alm hier grasen dürfen. Ich kam zu keinem Ergebnis. Dann habe ich vergeblich versucht, die Murmeltiere um mich herum sinnvoll aufs Foto zu bringen. Die haben so ungefähr 10 Meter Abstand gehalten, das hat den Zoom meines Handys leider überfordert. So waren es nicht 124 gelungene Fotos, leider. Kurz vor der Passhöhe liegt die Refuge du Col du Palet, die sehr einladend aussah.

Refuge du Col du Palet

Hier habe ich die einzige Mitstarterin aus der Hütte heute früh wieder getroffen, der Rest hat sich auf der Distanz dann doch verlaufen. Ich bin weitergegangen, auf die Aussicht auf der anderen Passseite gespannt. Und die war spannend. Als erstes fiel mir ein Pickup auf. Angesichts der Passhöhe von 2.652m fand ich das bemerkenswert. Die Bedeutung wurde mir erst später klar, Wanderer betreten Orte sehr oft durch den Hintereingang. So war es auch diesmal. Dann hat ein Murmeltier gepfiffen, und da fiel mir auf: wo sind die Ordner? An sehr vielen Pässen zumindest in Tirol und Südtirol fliegen Alpendohlen herum. Schöne Vögel. Ich hatte immer den Eindruck, sie wollten auf uns aufpassen. Deshalb „die Ordner“. Aber ich habe in den letzten zwei Wochen und auch heute keine gesehen. Schade eigentlich, ich mag diese Tiere.

Nach dieser Ablenkung hab ich mich dann umgeschaut und ein tolles Panorama aus Gletscher, Felsen, Schotter rechts von mir vorgefunden. Ich hab beschlossen, beim Abstieg zu trödeln und hab immer wieder andere Perspektiven gesehen und auch fotografiert. Ein kleiner Eindruck vielleicht hier:

Gesteinswelt um Vés und Pramecous

So war ich komplett unvorbereitet, als mich Val Claret und Tignes trafen. Ich bin um einen kleinen Linksknick gelaufen, und plötzlich standen im Tal zwei große Raumschiffe. 10 Sekunden, 20 Sekunden, Gedanken sortieren, und dann realisierte ich, dass es sich um den Skiort Tignes nebst Satellitensiedlung Val Claret handelt. Ich wusste ja, dass ich nach Tignes wandere. Ich wusste auch, dass Tignes ein Skigebiet ist. Aber so was habe ich noch nie gesehen.

Das gesamte Hochtal nebst drei oder vier Seitentälern bis hoch zum Gletscher war mit Liften erschlossen (zu deren Wartung offensichtlich auch ebenjener Pickup unterwegs war). Und im Zentrum des ganzen wie die Spinnen im Netz zwei Siedlungen, die kompakter kaum gebaut werden können. Oberhalb Val Claret …

Val Claret

… unterhalb Tignes mitsamt See.

Tignes

Mich hat das beeindruckt. Es ist halt einfach nur als Ferienort gebaut, es hat keine Verbindung zu irgendeinem althergebrachtem Dorf, wie ich es aus Österreich kenne. Es ist einfach alles ins Zentrum des Skigebiets gebaut, es ist alles da was man braucht, und es ist alles an einem Ort. Und auch im Sommer ist hier was los, ich war nicht allein. Insofern gab es im Abstieg dann – ich habe weiter ausgiebig getrödelt – total viel zu sehen.

Mitten am Nachmittag bin ich tatsächlich im Hotel (und ich hab mir wieder ein gutes, passendes ausgesucht, wie auch immer ich das mache) und sitze auf der Terrasse der Bar mit Blick auf das Zentrum Tignes, auf Val Claret, auf die Berge und habe das Gefühl: alles wie Tropical Island, nur die Kulisse ist nicht gemalt. Aber die Assoziation kann auch vom Saunageruch meines Hotels stammen, der seinen Weg auf die Terrasse gefunden hat.

Ein Gedanke zu „Wow“

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