Die geplante Doppeletappe stellte sich als Monsteretappe heraus, aber ich habe sie wohlbehalten überstanden. Hätte ich nicht gedacht.
Als es morgens kurz nach 7 losging, hing der Nebel im Tal, alles war feucht, und der einzige Unterschied zu gestern war der fehlende Regen. Und in der ersten Steilstufe floss der Bach nicht mehr den Weg herunter. Man rechnete jedoch mit einem Aufklaren zur Mittagszeit, und insofern war ich zuversichtlich. Kurzer Spoiler: ich bin fast den ganzen Tag im Nebel gegangen, Sichtweite manchmal nur 10 m, Aufklaren war nur sporadisch. Zweiter Spoiler: es stellte sich als so was von richtig raus, gestern im Regen umgekehrt zu sein. Diesen Weg hätte ich mir im Regen nie und nimmer zugetraut.
Aber von vorne, zunächst stand der Anstieg auf die Passhöhe Col des Martinets auf dem Programm, immerhin ca 1.400 Höhenmeter in 4 Stunden. Ich kannte ja den Weg bis zur Steilstufe schon, der war im Weiteren auch ohne Regen ziemlich mühsam. Ganz unregelmäßig, rutschige Matschabschnitte, zugewuchert und wegen des Nebels überhaupt kein Ende in Sicht. Der anschließende Rest war einfacher zu gehen, über ziemlich bunten Blockschutt …

… und die Sonne kam auch raus. Oben hab ich sogar ein Brockengespenst gesehen, war mit der Kamera aber leider nicht schnell genug. Ein Stück Halo sieht man auf dem Titelbild oben. Nebenbei bemerkt: außer dem Brockengespenst und drei Schäfern habe ich auf dieser Etappe überhaupt niemand gesehen. Nicht einen Wanderer, nichts. Gehört nur mal einen Steinschlag, und das Läuten der Schafe. Die haben hier nämlich auch eine Glocke um den Hals wie die Kühe. Im Gegensatz zu letzteren können Schafe sich benehmen und gehen aus dem Weg, wenn der Wanderer kommt. Hatte ich heute zweimal. Das war süß, wie mir eine kleine Gruppe auf einem breiten Fahrweg entgegen kam und trotzdem ins steile Gras ausgewichen ist. Während ich bei den Kühen notgedrungen eine kleine Meisterschaft erworben habe, mich durch die Herden durchzuschlängeln und keiner zu nahe zu kommen. Aber das nur am Rande.
Als ich also oben auf dem Pass stand, kamen die Probleme: keine Spur von aufklarendem Himmel auf der anderen Seite, alles im Nebel (sonst hätte man ja kein Brockengespenst gesehen). Und viel schlimmer: der direkte Weg weiter war als blauer Alpinsteig ausgewiesen. Das bedeutet, sehr schwer zu gehen, es gibt Kletterstellen, man möge Seil und Pickel dabei haben und überhaupt sehr erfahren sein. Hm. Alleine und im Nebel habe ich diese Option sofort gestrichen. Also dem ausgewiesenen Umweg folgen, und der hatte es auch in sich.

Das ging jetzt im Grunde die nächsten 3 Stunden so weiter, nicht nur auf der Umleitung, sondern vor allem auch auf dem geplanten Weg.

Die versprochene Aussicht übers Rhonetal bis hin zu Mont Blanc fiel mangels Nebel aus. Ich konnte aber schon abschätzen, wie steil das Gelände war. Ist ja doch interessant, ob Absturzgefahr besteht oder nicht. Ich hab dann immer darauf vertraut, dass man den nächsten Tritt schon sieht, wenn man direkt davor steht. Das war dann auch so. Aber aus der Ferne sieht man den oft nicht und fürchtet sich vor der unmöglich scheinenden Passage.

Ziemlich viele kritische Stellen waren versichert, also mit Ketten- oder Drahtseilgeländer versehen. Und so stellte sich der Weg für mich als gangbar heraus, auch wenn ich mich beträchtlich konzentrieren musste. Aber geschafft ist geschafft, und am Ende fand ich’s toll.
Bemerkenswert – das ist mir irgendwann aufgefallen – dass ich den ganzen Tag an nichts gedacht habe. Ich bin zur Wandermaschine mutiert. Die Gedanken kreisen nur noch um den nächsten Tritt, gehe ich zu schnell oder zu langsam, sollte ich die Jacke ausziehen oder nicht, die Stöcke benutzen oder nicht und vielleicht noch um die Frage, ob ich den Weg wirklich gehen soll wie geplant, oder zwischendrin aussteigen, oder oben auf der Hütte übernachten und nicht noch ins Tal absteigen … Das war’s. Der Nebel hilft dabei, man sieht ja nichts anderes außer den Weg.
Als Wandermaschine war irgendwann auch klar, dass ich wie geplant absteigen werde. Das macht den Tag lang, aber ich wollte einfach nicht schon in einem Schlafsaal mit möglicherweise nur Kaltwasserduschen und was auch immer schlafen. Die Etappe sollte erledigt sein, und so bin ich nicht in die Hütte eingekehrt

Das ging auch ziemlich gut, weil die abwärts führenden Wege einfach zu gehen waren. So kam ich 17:30 bei der Seilbahn an, die mich 17:40 ins Tal gebracht hat, wo 17:57 der Bus nach Martigny kam. Die Schweiz ist manchmal schon toll.
Aber: die Seilbahn. Alt, klein, steil, oben kein Bediener dabei, man drückt wie im Fahrstuhl einen Knopf, wohin man möchte, und eine Minute vor Abfahrtzeit geht die Tür auf. Und sie hat die ganze Zeit wegen des starken laut pfeifenden Windes geschwankt. Ich musste mir aktiv Vertrauen in die Schweizer einreden, es war … speziell. Aber sie hat mir weitere 2 Stunden Abstieg gespart, und darum bin ich wahnsinnig dankbar.

Ach ja: wer es immer schon wissen wollte: die elektrischen Zäune der Weiden zwicken bei Berührung. Intensität vergleichbar einem Mückenstich. Ein Bauer hatte den Durchgang seines Weidezauns so dämlich an einem steilen Wegstück platziert, dass ich mich beim Schließen desselben darauf konzentrieren musste, nicht vom Weg abzurutschen. Aber nicht darauf konzentrieren konnte, mich vom geladenen Zaun fernzuhalten.
Und einmal hab ich auch komplett blauen Himmel gesehen.











































