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Auf gehts

Diese Etappe hat es in sich, von Wellness keine Spur. Stattdessen kalt, trüb, immer wieder Niesel und sogar kurze Graupelschauer. Irgendwann hatte ich dann alles an, was ich dabei hatte. Inklusive Mütze und Handschuhe.

Die Herausforderung des Tages kommt gleich am Anfang, der vergleichsweise lange und steile Anstieg von Forbach zum Seekopf. Es geht im Dorf direkt los, erst Asphalt, dann Schotter, und nach einiger Zeit auf sehr schönem Waldpfad:

Anstieg von Forbach kommend

Mir fällt unterwegs auf, dass ich bis jetzt noch keinerlei Waldbrache gesehen habe, die den Harz gerade so prägen. Entweder bin ich bis jetzt auf den falschen Pfaden unterwegs, oder der Schwarzwald wurde hier in letzter Zeit von Sturm und Borkenkäfer verschont, die dem Harz so zusetzen. Denn insgesamt ist die Vegetation schon vergleichbar, jedenfalls für mich als Laien. Und mir fallen einige Ameisenhaufen am Wegesrand auf, ich kann mich nicht daran erinnern, auf meinem Weg überhaupt schon welche wahrgenommen zu haben. Was mir aber auch auffällt, ich sehe kein Wild, nichts größeres als Eichhörnchen und Rotkehlchen (immerhin!). In Brandenburg sind Rehe, Füchse, Kaninchen Alltag, von Wildschweinen finde ich immer wieder Spuren. Hier: nichts. Keine Ahnung warum das so ist. Aber wenigstens bei den Wildschweinen ist das ganz beruhigend.

Und wo ich schonmal beim Harz bin, auf halber Höhe zum Seekopf kommt die Schwarzenbachtalsperre. Diese könnte exakt so auch im Harz sein.

Schwarzenbachtalsperre

Bei diesem Wetter fand ich den See eigentlich häßlich, dunkel, kalt, trostlos, die Bäume stehen kahl in Reih und Glied um ihn herum und die sehr breite Schotterstraße fehlt auch nicht. Einzig auffällig waren die im Wasser stehenden Bäume, vielleicht kann man es auf dem Foto erkennen. Schnell weiter.

Der weitere Aufstieg verlief dann wieder durch den dichten und wilden Nadelwald. Zum Schluss auch wieder auf schmalem felsigen Pfad, ich fand es bei der Nässe und Kälte aber eher nervig, auf jeden Fußtritt achten zu müssen. Oben angekommen eine kleine Überraschung (na ja, ich wusste das eigentlich schon): der Höhenrücken vom Seekopf zur Badener Höhe ist nicht bewaldet, sondern sieht aus wie irgendwas zwischen Moor und Heide mit wenigen hohen Bäumen zwischendrin. Und am Seekopf selbst wird per Gedenkstein an den „Schöpfer des Höhenweges“ Phillip Bussemer gedacht. Vielen Dank !

Zwischen Seekopf und Badener Höhe

Auf der Badener Höhe selbst habe ich den Aussichtsturm ausnahmesweise mal ausgelassen und bin schnell wieder bergab, bis ich zum ersten Mal an die Schwarzwaldhochstraße gekommen bin. Die begleitet mich den Rest des Tages (und das wird sie auch morgen tun). Alle paar Kilometer findet sich hier eine kleine Siedlung, die oft mehr an vergangenen wie zeitgenössischem Tourismus erinnern. Ich passiere Sand, Hundseck, mein Tagesziel ist ja eh Unterstmatt. Ich frage mich, wie das früher lief. Kam man aus dem Tal hoch zu Kaffee und Kuchen, 20 min Spaziergang um den Parkplatz und dann wieder ab nach Hause? Oder cruiste man im Käfer Cabrio von Nord nach Süd? Keine Ahnung. Auf telefonische Nachfrage bei meinem persönlichen Badenexperten Peter lerne ich, dass hier einmal ein Zentrum des deutschen Tourismus war, bevor die Mallorcaphase eingesetzt hat. Vierzehn Tage Sommerurlaub in einem der Hotels oder Gasthäuser der Schwarzwaldhochstraße – gebongt. Gerne auch jedes Jahr wieder ins gleiche. Dazu kamen die lokalen Ausflügler und im Winter gab es reichlich Schnee. Davon zeugen einige Skipisten, die mir heute begegnen. Eine davon hat immerhin noch einen Lift, die anderen renaturieren halt. Und einiges ist ja noch da, mit Maß und Verstand modernisiert und für die neuen Zielgruppen Wanderer, Radler, Motorradfahrer optimal. Das sind die die ich heute sehe.

Aber bevor ich in Unterstmatt ankomme, gehts nochmal aufwärts, diesmal zum Hochkopf. Der Blick auf den Rhein und auch der zurück auf die Berge oberhalb Baden-Badens, die Bühler Höhe, die Badener Höhe und mehr ist wirklich toll. Man siehts vielleicht ein bißchen:

Blick vom Anstieg zum Hochkopf

Der Hochkopf selbst ist wieder von sehenswertem Moor und Heide bewachsen, fast baumlos und sehr wild. Noch sind die Gräser allerdings braun, das muss im Sommer ein traumhaftes grünes Meer sein. Nach kurzem Abstieg komme ich in Unterstmatt an und freue mich nach diesem Tag auf eine gut geheizte gemütliche Gaststube.

Zur großen Tanne in Unterstmatt

Wellnesswald

Schon wieder ein Gastrotipp zu Beginn. Die Linde in Dobel war gut und sehenswert. Denn so kenn ich die typischen Gasthäuser im Süden von früher. Das hat man sich hier komplett erhalten, ohne verstaubt zu sein. Die Einrichtung ist klassisch und liebevoll, in top Zustand und es funktioniert auch wirklich alles gut. Auch die Details. Auch die Bandbreite des WLAN. Und das Waschbecken hat zwar nie einen Designer gesehen, dafür ist es aber groß genug und man kann den Abfluss verschließen. Das brauche ich, weil ich ja täglich meine Wäsche wasche. Ich habe nämlich nur einen Satz am Mann und einen Satz im Rucksack dabei. Gewichtsersparnis. Und wer sich immer wieder mit dem Nassrasieren in viel zu kleinen, ungeschickt angeordneten und nur mit fließendem Wasser versehenen Designerstücken geplagt hat, weiß das auch zu schätzen.

Aber los gehts auf die Etappe. Nach kurzem Anstieg aus dem Dorf zum Aussichtsturm stellt sich die erste – rhetorische – Frage: in der Sonne bleiben oder in den Wald ? Ich folge natürlich dem Westweg. Und der Wald sieht jetzt anders wie gestern nach Nordschwarzwald aus. Fast komplett Nadelwald, stellenweise sehr dicht, mit abwechslungsreichem Unterholz, auch mit nachwachsenden Bäumen unterschiedlichsten Alters. Er wirkt auf mich Laien ziemlich naturbelassen und zusammen mit Sonne und recht schnell angenehmen Temperaturen habe ich das Gefühl, heute ein Vollbad im Wald zu nehmen. Das dauert den gesamten Tag an. Und es war still. Ich weiß, Waldbaden ist albern, aber ich habe heute Wellness assoziert. War schön, aber im Empfinden sehr deutsch, wie ich mir ohne Abwertung sagen lassen musste.

Um den Stierkopf herum

Und heute war ich auch nicht alleine, anscheinend ist die Gegend zwischen Dobel und Forbach ein beliebtes Ausflugsziel voller Wanderer und Radfahrer. Ich fands schön, es gab einige Hütten auf dem Weg …

Die Hahnenfalzhütte

… das Hohlohmoor, den Hohlohturm, und einige Aussichtspunkte in das Rheintal.

Aussichtskanzel über Gaistal (hoffentlich stimmt das)

Am besten war die Sicht natürlich vom Hohlohturm, der über eine steinerne Wendeltreppe einfach zu besteigen ist. Von oben überschaut man von der Schwäbischen Alb über das Rheintal und die Vogesen das komplette Panorama. Und besonders gut hat mir der Blick auf die nächsten Etappen gefallen. Man sieht die Badener Höhe (morgen) und die Hornisgrinde (übermorgen), die beide praktischerweise mit einem Turm markiert sind. Ängstliche Menschen seien aber gewarnt: wer zu schnell aufsteigt, kann den Drehwurm kriegen. Und der Boden der Aussichtsplattform fällt nach außen etwas ab. Das gibt einem das schöne Gefühl, mitsamt Turm gleich vorneüber zu kippen.

Irgendwann ist mir auch aufgefallen, dass die Wegführung der Etappe abwechslungsreicher ist, als ich sie in Erinnerung habe. Kurze Recherche ergab, dass sie 2007 für die Zertifizierung als Qualitätswanderweg angepasst wurde. Das setzt unter anderem einen begrenzten Anteil an Asphalt- und Schotterweg voraus. Vielleicht ist das der Grund, dass mehr Pfade und Waldwege dabei waren. Eigentlich ist es mir gerade als Fernwanderer ziemlich egal, welchen Wegemix eine einzelne Etappe hat. Ich bin auch gerne einen Tag auf Asphalt unterwegs gewesen. Da muss man wenigstens nie auf die Füße schauen und kann den Blick schweifen lassen. Aber egal, verifizieren konnte ich die Geschichte der Wegführung hier auf die Schnelle nicht. Wenn es aber stimmt, hat es zumindest dieser Etappe gut getan. Und weil es so schön war:

Irgendwo im Wald

Zum Abschluss des Tages kommt der ziemlich steile Abstieg über Serpentinen nach Forbach, was man sich zu Beginn auf zwei Aussichtspunkten erstmal von oben anschauen kann.

Forbach

Und am Ende zieht sich das ganze im Tal noch etwas hin.

Der Westweg

Auf diesen Tag habe ich mich schon lange gefreut. Ich habe vor, den kompletten Westweg bis Basel in den nächsten Tagen zu wandern. Fast zwei Wochen am Stück auf einem der schönsten Wege, die ich je gewandert bin. Und danach ist Deutschland abgehakt. Und es ist Anfang April und das Sommerhalbjahr steht vor der Tür.

Bevor es losgeht, aber erst ein Gastrotipp. Ich war am Vortag nach Pforzheim angereist und bin dort im ibis styles ausgesprochen gut untergekommen. In der unmittelbaren Umgebung finden sich diverse Restaurants, die in grenzenlosem Optimismus auch schon alle Straßenmöblierung aufgefahren hatten. Nur halt ohne Gäste draußen von wegen kaltes Frühjahr. Aber egal, ich habe mich für Hans im Glück entschieden und dort mit Folgendem experimentiert:

Der Wanderer im Glück

Erraten: das sind Süßkartoffelfritten mit Vanilleeis und Beeren als Nachtisch. Ein richtig guter Start, auch wenn der Schwarzwald nicht wirklich dafür berühmt ist.

Am nächsten Morgen ging es auf die Etappe bei blauem Himmel und Windstille und Temperaturen, bei denen ich schon froh war, die Handschuhe noch im Gepäck zu haben. Die Pforzheimer Innenstadt fällt durch ein Brutalbetonrathaus am Marktplatz auf, aber das hatte man damals so. Reutlinger wissen, wovon ich spreche. Nach kurzer Zeit bin ich aber schon im Stadtgarten am Ufer der Nagold. Dort findet sich dann auch der offizielle Beginn des Westwegs, markiert durch die Goldene Pforte. Nur führt der Weg nicht durch die Pforte, sondern links daneben auf den ersten Höhenrücken. Aber gut. Es folgt Sonnenberg auf der anderen Seite der Nagold:

Am Ufer der Nagold in Sonnenberg

Etwas später stehe ich vor der Wahl zwischen zwei Wegvarianten. Eine südlich der Enz, auf der man noch einmal das Tal queren muss. Und eine nördlich als Höhenvariante ausgewiesen. Ich habe mich für letztere entschieden. Erstens hatte ich noch Lust auf etwas Sonne, die sie geboten hat. Und ich dachte, es ist schöner, Schloss und Tal Neuenbürg im Panorama von der anderen Talseite aus zu haben, statt im Tal selbst zu sein. Das Ergebnis:

Panorama über Neuenbürg

Nichts war’s mit Schloss- und Talblick. Der Schwarzwald hat seinen Namen nicht von ungefähr, die Betonung liegt auf Wald. Hätte ich mir denken können. Und solche Bänke sind mir heute viele aufgefallen. Sie schauen nicht zum Weg, an dem sie stehen, sondern zu einem zugewachsenen nicht existenten Panorama. Die Extrembank des Tages schaute einfach auf einen Bretterzaun. Warum auch immer das so ist.

Etwas später gab’s den Ausblick dann doch, auf der Schwanner Warte, einem kleinen, sehr schön gelegenen Aussichtsturm. Hier gab es Bänke, die in die richtige Richtung schauen, eine hölzerne ergonomische Ruheliege und sogar eine richtig große Büchertauschstation. Ich habe kurz Pause gemacht, bin auf den Turm rauf und habe die allernördlichsten Ausläufer des Schwarzwald betrachtet.

Auf der Schwanner Warte

Der Rest des Tages verlief wie gehabt, wobei kurz vor Dobel noch eine kleine Sehenswürdigkeit auf mich gewartet hat, das Naturdenkmal „Volzener Stein“. Es handelt sich um eine Blockhalde aus Buntsandstein, die hier – recht außergewöhnlich – in sehr flachem Gelände entstanden ist. Sagt zumindest die Erklärtafel daneben.

Volzener Stein

Als ich mich wieder auf den Weg mache, ist der plötzlich voller Spaziergänger. Die Sonne scheint, Dobel ist nah, und ich freue mich, dass ich den für eine erste Etappe recht langen Tag geschafft habe.

Lückenschluss, die zweite

Weil ich schon wusste, dass ich ganz gut unterwegs bin und die Etappe nach Pforzheim nicht lang, habe ich mir Ausschlafen und ein gemütliches Frühstück gegönnt. Das hilft wirklich immer. Außerdem blieb der versprochene Wolkenaufzug zur Mittagszeit im wesentlichen aus, was den Tag zusätzlich sehr leicht gemacht hat.

Nach kurzem Anstieg schaue ich nochmal auf Bretten zurück. Eigentlich genau wie am Vortag in Odenheim, ich denke das liegt daran, dass ich als südwärts Gehender das Licht so im Rücken habe und die Fotos leichter fallen. Sei’s drum:

Blick auf Bretten

Auf der Höhe ist es kurz mal windig und kühl, deshalb freue ich mich auf die längere Waldstrecke, die jetzt folgt. Ist ja auch schön, nur musste ich mich etwas durchs Unterholz schlagen, weil ein Teil des Weges wegen Forstarbeiten gesperrt war. An einem Samstag war zwar von Forstarbeitern nichts zu sehen und zu hören, ihr Werk der Vortage lag aber noch rum. Und das nicht immer schön auf der Seite wie im Bild, sondern auf einem per Flatterband abgesperrten Wegstück mittendrin. Was diesen komplett unpassierbar gemacht hat.

Im Stadtwald Bretten

Nach dem Wald ging mir dann das Herz auf – erste Schwarzwaldsichtung. Ich finde das einen ganz bemerkenswerten Meilenstein, der letzte deutsche Abschnitt meiner Wanderung ist in Sicht. Hat zwar 3,5 Jahre und 37 Etappen gedauert, aber immerhin. Ich bin begeistert.

Blick auf Stein, im Hintergrund der Schwarzwald

Es folgt die Ortschaft Stein, die auch was zu bieten hat. Denn in den Dörfern hier gibt es Bäcker. Zwar allesamt Dependancen desselben lokalen Filialisten – aber es gibt sie. Was mir eine entspannte Mittagspause im Warmen beschert. Und zu allem Überfluss finde ich im folgenden Gennenbachtal die ersten Blumen des neuen Jahres.

Im Gennenbachtal

Da war ich dann insgesamt so gut gelaunt und auch so früh am Tag dran, dass ich spontan beschlossen habe, mir die geplante Übernachtung in Pforzheim zu sparen und am selben Abend noch nach Hause zu fahren. In Ispringen …

Ispringen mit evangelischer Kirche

… hatte ich dann sogar noch die Eingebung, ich könne mir doch wie in Frankfurt einen E-Scooter gönnen. Aber das scheint dann doch mehr Großstadtschnulli zu sein, auch wenn ich in Pforzheim tatsächlich zwei gesehen habe. Aber nicht in Ispringen und auch nicht die Marke meiner App. War egal, das Sommerhalbjahr war fast schon ein bisschen zu ahnen. Nach kurzer Zeit kam dann Pforzheim mit Bahnhof, und die Lücke zum Westweg war geschlossen.

Lückenschluss, die erste

Anfang Februar hört sich nicht nach allerbestem Wandertermin an. Und als ich bei minus 6 Grad in Östringen losgegangen bin, habe ich mich schon gefragt, was ganz genau ich hier gerade mache. Aber wie so oft ist es draußen schöner als erwartet, und wie so oft fällt die Wettervorhersage schlechter aus als die Realität. Am Ende hatte ich zwei perfekt sonnige, fast windstille Tage bei unauffälligen Temperaturen.

Und wieso im Februar? Ich habe für Ostern den Schwarzwald-Westweg fest eingeplant, von Pforzheim nach Basel. Ergo muss ich Ostern auch in Pforzheim angekommen sein und so viele Möglichkeiten, die fehlende 2-Tages-Lücke zu schließen, habe ich nicht. Deshalb kurzfristig ab nach Östringen.

Erstes Ziel war Odenheim, witzigerweise mit S-Bahn-Anschluss. Die sehen hier aus wie Straßenbahnen, was für einen Berliner außerhalb einer geschlossenen Ortschaft recht seltsam wirkt. Man vergisst halt gerne, dass man nicht weit vom Rheintal wandert, in diesem Fall nahe Karlsruhe. Und man kommt ja nicht durch den Vordereingang in die Gegenden. Und wieder einmal – wie eigentlich in gesamt Hessen und Baden-Württemberg – ist der öffentliche Nahverkehr fantastisch.

Aber frostig war es zunächst:

Blick zurück auf Odenheim

Die Etappe verläuft ansonsten unspektakulär. Ich genieße den häufigen weiten Blick über die Wiesen und Felder. längere Strecken im Wald sind heute nicht im Plan.

Blick von der Terrasse der Klubhütte des Odenwaldklubs oberhalb Münzesheim

So komme ich schon früh am Nachmittag nach Bretten und beziehe meine Unterkunft im Hotel Krone direkt am Marktplatz (links im Bild).

Marktplatz und Pfeiferturm in Bretten

Und weil noch viel Zeit im Tag ist, fahre ich mit Bahn und Bus zurück nach Östringen, hole mein Auto und parke es für morgen am Bahnhof Bretten. Wobei noch ein schönes Foto rausgekommen ist:

Tapetenwechsel

Die heutige Etappe bedeutet Abschied von der schönen Bergstraße, dem immer präsenten Ausblick in die Rheinebene – und auch vom ständigen Hintergrundrauschen von Autobahn und Landstraße. Es bleibt zunächst eine Waldstrecke im kleinen Odenwald, anschließend folgt aber das wellige und meistens offene Kraichgau. Die Felder und Wiesen waren weitgehend grün, so dass es im Winter eigentlich auch ganz schön ist.

Ich starte in den Tag mit der Erwartung, jetzt eigentlich drei Transferetappen bis zum Beginn des Schwarzwald-Westweg in Pforzheim vor mir zu haben. Und ich habe wie immer Schwierigkeiten, mich einzulaufen und mich an den Gedanken zu gewöhnen, den ganzen Tag jetzt einfach weiterzugehen. Da hat auch der Fußballpodcast nicht geholfen, den mir ein mitfühlender mir lieber Mensch vorgeschlagen hat. Wandern muss Langeweile kultivieren. Man muss einfach schaffen, sich den kompletten Tag nicht berieseln zu lassen. Und das geht.

Und wie so oft bringt der Tag eine Überraschung. Da ich die Strecken im Wesentlichen nach Landkarte finde und vorhandenen Wanderwegen folge, bereite ich mich nicht auf die Gegend selbst vor. Ich lese keine Reiseführer und ich schaue auch nicht so genau in die Karten. Und die heutige Überraschung kam gleich zu Beginn: Heidelberg hat eine Bergbahn ! Und zwar genau auf den Königstuhl, auf den ich hoch wollte. Und wenn ich nicht 1.5 Stunden auf die erste Bahn hätte warten müssen, wäre ich Bahn gefahren und hätte was verpasst. Einerseits die Treppen hoch zum Heidelberger Schloss. Vor allem aber das:

Bedienungsanleitung am Fuß der Himmelsleiter bei Heidelberg

Die Himmelleiter besteht aus Sandsteinstufen, die wie mit dem Lineal gezogen auf den Berg führen. Die Stufen sind ziemlich unregelmäßig und mit den 270 Höhenmetern fühlt sich das schon alpin an. Da auch alles voll feuchtem Laub war, hilft etwas Trittsicherheit auf jeden Fall. Und es hat am Ende Spaß gemacht, auch wenn ich der einzige war, der einen Rucksack hochgetragen hat. Der Rest hat Berglauf trainiert, aber auch dafür: Chapeau ! Oben kann ich mich dann nochmal vom Rheintal verabschieden:

Aussichtspunkt am Königstuhl

Das war auch schon der höchstgelegene Punkt des Tages und der einzige nennenswerte Anstieg, es lief sich seitdem ziemlich einfach. Zunächst kam noch ein Stück Odenwald, der sogenannte kleine Odenwald mit schönen meistens Laubwäldern und immer mal wieder dekorativ verteilten Steinbrocken.

Im kleinen Odenwald

Mit dem nächsten Dorf Gaiberg wechselt das ganze dann erstens eindeutig ins baden-württembergische – vom Aussehen des Dorfes – und zweitens ins offene wellige Kraichgau, was ich sehr genossen habe.

Blick übers Land

Ich war jetzt weite Strecken in der Sonne auf sehr gut gangbaren breiten Wegen. Die Felder und Wiesen waren weitgehend schon grün, aufgelockert durch Obstgärten, mal ein Bauernhof und der Weg vermeidet bis Mühlhausen jede Ortsdurchquerung. Man kann immer etwas weiter blicken, an manchen Stellen zeichnet sich am Horizont der Pfälzer Wald ab.

Vermutlich dem Weihnachtsfeiertag geschuldet, war ich auch nicht alleine unterwegs. Spazierengehen gehört in der Gegend offensichtlich zum Festtagsprogramm. Oder sie machen das immer, das kann ich natürlich nicht beurteilen. Was mir auch gut gefallen hat: es gibt sehr viele Bänke zum Ausruhen. Da ich wieder die Nepaltaktik anwende (55 min Gehen 5 min Pause den ganzen Tag durch), habe ich die Bänke öfter gebraucht. Und zum Abschluss noch ein schönes Bild, weil ich auch heute wieder bis zum Einbruch der Dämmerung gewandert bin. Die Tage sind halt schon ganz schön kurz gerade.

Dämmerung bei Mühlhausen

Heiligabend

Es wird ein besonderer Tag auf dieser Etappe. Es ist Heiligabend und ich gehe 8:00 Uhr im ersten noch ziemlich trüben Tageslicht los. Ich hole mir einen Kaffee beim Bäcker und erlebe nach einem kleinen Anstieg zum Weinheimer Schlosspark eine Überraschung. Denn den hatte ich gar nicht auf dem Schirm und er ist gepflegt und schön.

Ein Schild in der Weinheimer Hauptstraße behauptet übrigens, man sei in der Schlamasselgasse, was auch immer mir das sagen will. Später in Lützelsachsen bin ich dann noch auf dem Holzweg, aber okay .

Der Weg führt im Grunde wie gestern hauptsächlich durch Weinberge, heute immer mal wieder mit einem kleinen Ausflug in den Wald. Es gibt Obstgärten, ein bisschen Landwirtschaft, sogar drei Kühe habe ich gesehen. Die hab ich aber erst für Pferde gehalten, weil ich meine Brille nicht dabei habe. Und die Weinberge sind oft sehr kleinteilig und wirken mehr wie Liebhaberei. Aber es finden sich viele stolze Schilder mit Namen des jeweiligen Weinguts. Man versteckt den Wein hier nicht. Und kleine private Gärten gibt es auch ziemlich viele.

Terrassierte Gärten oberhalb Dossenheim

Der Weg ist wieder sehr leicht zu finden, der gesamte Blütenweg ist exzellent ausgeschildert. Man muss nur manchmal aufpassen, weil heute an verschiedenen Stellen ganz schmale Durchgänge gefragt sind. Auch da sind Schilder, aber man kommt gar nicht auf die Idee, überhaupt hinzuschauen. Hab mich dann auch zweimal verlaufen, weil ich nebenher immer wieder gechattet habe. Es ist halt Heiligabend.

Nach Heidelberg

Was mir gestern schon aufgefallen ist: am gesamten Weg ist ein digitaler Lehrpfad. Es finden sich immer wieder kleine Schilder mit Aufmerksamkeit fordernden Sprüchen plus QR-Code. Und da landet man dann auf einer Webseite, die einem alles erklärt. Zum Beispiel auch das Hasenschicksal.

Die blühende Bergstraße

Das ganze fühlt sich wirklich nach einem besonderen Tag an. Vormittags sind sehr viele Hundegänger unterwegs. Mittags folgen die hundelosen Spaziergänger. Etwas später komme ich an einem Friedhof vorbei, wo die Leute ihren Lieben gedenken. Ziemlich zeitgleich schallt aus dem Tal weihnachtliche Blasmusik empor. Und irgendwann mache ich Pause auf einer Bank, laut Schild von „Prof. h.c. Dr. Karl A. Lamers“ gestiftet, Mitglied des Bundestages von 1994 bis 2021. Und auf dieser Bank sehe ich ein offensichtlich absichtlich arrangiertes Ensemble. Es passt zu Weihnachten, auch wenn ich auch hier nicht weiß, was es mir sagen will.

Temporäre winterliche Installation auf einer Bank

Frohe Weihnachten !

Foto: CC0 / Pixabay / TizzleBDizzle

Corona schlägt doppelt zu

Diese Etappe braucht im Unterschied zur sehr langen vorigen Etappe gleich zwei Anläufe und gelingt dabei jeweils zur Hälfte. Die erste Hälfte gehe ich mit meiner älteren Tochter, es ist Ende Oktober und immer noch sehr grün und fast spätsommerlich. Wir schaffen 14 km bis Heppenheim und fahren per Bahn zu unserer Unterkunft. Und da kriege ich dann Corona, das wars dann.

Und jetzt bin ich am Vortag des Heiligabend zurück in Heppenheim. Corona hat wieder zugeschlagen und verhindert die Weihnachtsfeiern mit meinen Lieben. Und so habe ich ein paar Tage Zeit und bin an sehr ungewöhnlichen Tagen wandern. Und zur Bestätigung des Unglücks regnet es fast den ganzen Tag. Und als es endlich aufhört, kommt ein unangenehm frischer Wind auf. Wenigstens ist es mit 10 Grad ziemlich warm. Für die Jahreszeit, nicht fürs Wandern.

Aber zurück, es ist Ende Oktober und der Blütenweg trägt seinen Namen immer noch zurecht, auch wenn man schon genauer hinschauen muss:

Unterhalb des Hemsberg bei Bensheim

Wir gehen von Auerbach eine schöne Schleife durch die Weinberge mit dem charakteristischem Ausblick …

Blick ins Rheintal oberhalb Auerbach

… und anschließend recht lange am Siedlungsrand durch Bensheim. Was ziemlich schön ist, das Wetter hilft auch hier. Danach folgt ein kleiner Exkurs über die Weinberge hinaus – ich möchte jetzt nicht sagen in die Wildnis, aber wir kriegen einen kleinen Geschmack vom Odenwald selbst und können uns ausnahmsweise einen weiten Blick gönnen, der nicht ins Rheintal geht. Aber ganz ohne menschliche Installation geht es auch nicht:

Der „Haambescher Mädel’s Platz“ oberhalb Hambach

Jetzt können wir nicht mehr und schummeln uns mit dem Ruftaxi zum Heppenheimer Bahnhof.

Cut.

Als ich wiederkomme, ist es trüb, von Blüten nichts zu sehen, aber ich bin immerhin froh, wieder ein paar Tage näher Richtung Nizza zu kommen. Der Weg ist etwas mühsam, er beschreibt ein ziemliches Zickzack durch Weinberge, Wald und Siedlungsränder und es geht auch immer hoch oder runter und nur selten entspannt auf steter Höhe. Aber sei’s drum. Ich bin ziemlich bedrückt, weil ich mich auf Weihnachten so gefreut hatte und etwas besorgt, wie ich mich alleine an den Feiertagen fühlen werde.

Installation eines Kunstwegs der Sparkassenstiftung Starkenburg

So ziehe ich halt durch und sehe zu, nicht zu sehr in die Dunkelheit zu geraten. Das Gelände hat sich etwas geändert im Vergleich zum nördlicheren Teil der Bergstraße, die Hänge sind ziemlich steil und es gibt kaum mal einen fließenden Übergang ins Tal. Und so gehe ich längere Zeit wie auf einem Aussichtsbalkon entlang. Schön sind allerdings die Wege, sehr abwechslungsreich, mal eine Treppe, dann ein schmaler Pfad, dann wieder Waldweg und alles voll feuchtem Laub. Fühlt sich auch wieder gut an, auf seine eigene Art.

Und als ich schließlich am Weinheimer Marktplatz ankomme und es wirklich schon dunkel ist, bin ich sehr froh und fühle mich gut aufgehoben:

Marktplatzhotel nebst Restaurant Tafelspitz in Weinheim

Es wird sportlich

Die Etappe ist lang, sehr lang, aber ich habe Ehrgeiz. Ich bin am Ende des Tages 67 km südlich von Frankfurt und stolz drauf. Und der Tag heute stellt sich trotz seiner Länge als sehr kurzweilig heraus, weil die Etappe durch 4 deutlich verschiedene Biotope führt.

Aber der Reihe nach. Als allererstes folge ich der Nepaltaktik. Ich hatte mal gehört, die große Lasten tragenden Sherpas auf Himalaya-Expeditionen machen pro Stunde 5 min Pause und sonst nichts. Das mache ich auch, und ich sage mir immer wieder selbst, nicht so schnell zu gehen. Dazu neige ich, wenn ich alleine gehe.

Dann habe ich lange über den Weg nachgedacht. Erste Option war die Durchquerung des Odenwaldes selbst. Der soll sehr schön und geradewegs ein Geheimtipp sein. Dagegen spricht, dass ich seit Wochen im Wesentlichen durch Mittelgebirgswald gehe und es später im Nordschwarzwald auch wieder so wird. Die zweite Option Bergstraße verspricht mehr Abwechslung. Da gibt es den prämierten Burgensteig, der im steten Auf und Ab die namengebenden Berge und die darauf liegenden Burgen abklappert. Das ist sicher wilder als die vielen Feldwege bisher. Dagegen spricht, dass ich in den Alpen genug felsige Pfade gehen werde. Und ab der dritten Burg könnte es vielleicht etwas langweilig werden. So toll finde ich Burgen dann auch nicht. Und der Weg ist 30 km länger als die dritte Option, der Blütenweg in der Bergstraße. Der braucht wesentlich weniger Höhenmeter und verläuft auf halber Höhe durch die Ortschaften und Weinberge. Ich entscheide mich für den Blütenweg, die Variante der Warmduscher.

Und als ich mir das zu Ende überlegt hatte, war ich schon am Stadtrand von Darmstadt. Zuerst in Form von Wiesen und Äckern, und ich war so froh, mal wieder weit schauen zu können und einen großen Himmel vor mir zu haben.

Oberfeld bei Darmstadt

Im weiteren Verlauf tauchte dann die übliche Stadtrandmöblierung auf: Spazierwege, Parkplätze, Grillplätze, Kinderbauernhöfe, Waldkindergärten, Spielplätze, ein Zoo. Und auch das übliche Personal, am Vormittag praktisch nur Frauen, das ist schon krass. Mit Kindern, Hunden oder joggend. Dann hab ich noch zwei Schulklassen auf Wandertag gesehen, wobei es das vielleicht nicht ganz trifft. Die erste Klasse schaffte gerade mal 100m vom Park- zum Grillplatz, die zweite Klasse hing gleich direkt am Parkplatz (des Ludwigturms) herum. Nun ja.

Anschließend wurde es bergig und der Weg verwandelte sich in einen klassischen Waldpfad mit kurzen knackigen Anstiegen.

Direkter Steig zur Burg Frankenstein – später als „Himmelsleiter“ bezeichnet

Das ganze setzte sich im Prinzip ziemlich lange bis über die Burg Frankenstein hinaus fort. Das erforderte dann schon etwas mehr Krafteinteilung, und das Publikum des Darmstädter Stadtrandes war dann auch größtenteils wieder weg. Aber es hat mir viel Spaß gemacht, und Vorfreude auf die Alpen. Blöd war nur, dass die Burg selbst nicht besichtigt werden konnte, sie ist von 17. Sep bis 14. Nov (!) wegen Halloweenaufbauten gesperrt. Was auch immer sie da machen, es gibt eine Website dazu (www.frankenstein-halloween.de).

Vor verschlossener Tür der Burg Frankenstein

Und zum Schluss kam dann noch der Warmduscherweg. Und der war vielleicht schön. Er empfängt mich mit intensiv süß riechenden Hecken entlang eines kleinen Fußwegs (natürlich keine Ahnung was das war). Und müsste zu Beginn eigentlich Gartenweg heißen, weil er sehr lange durch die am Hang liegenden Ortsteile führt, von Vorgarten zu Vorgarten zu Park zu Vorgarten zu Acker und Weinberg und wieder Garten der Häuser dort. Die Sonne scheint und es blüht am 20. September noch einiges und der Rest ist grün und an den Weinstöcken hängen die vermutlich fast reifen Reben weiß und rot. Auf den Sträßchen waren freundliche Leute, nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich habe mich wirklich gefragt, ob ich auf meiner Wanderung bislang eine lebenswertere Gegend gesehen habe wie diese hier. Denn es ist ja nicht nur warm und schön, sondern man ist ohne Probleme schnell in Frankfurt und am Horizont sieht man die Industrie, in der viele gutes Geld verdienen. Man darf nur nicht zu weit oben wohnen, dort hört man den Lärm der A5. Und muss sich natürlich ein Architektenhaus am Hang leisten können 🙂

Weinberg zwischen Alsbach und Zwingenberg

Die Stille in den Lärm getaucht

„Am Anfang war der Lärm und / Dieser Lärm hört niemals auf / Am Tag als der Herr uns schuf da /Hat er uns in Lärm getaucht“ (Die Toten Hosen – Strom)

Während dieser Etappe frage ich mich, ob mir das seit Berlin noch nie aufgefallen ist, oder ob es heute einfach speziell ist. Immerhin befinde ich mich in Rhein-Main, einem der prominentesten deutschen Ballungsgebiete, und der größte deutsche Flughafen ist ein paar Kilometer entfernt.

Es fing am Frankfurter Stadtrand in Lerchesberg an, plötzlich fällt mir sehr, sehr groß eine über mir fliegende Passagiermaschine auf. Und zwei Minuten später die nächste. Und so weiter, ich befinde mich in der Einflugschneise, es ist Montag morgen und es dauert ungefähr eine Stunde, bis ich wieder rausgewandert bin. Und kaum fehlen die Flugzeuge, kommt zuverlässig eine Bundesstraße oder Autobahn.

Unterführung der A3 bei Neu-Isenburg

Kaum waren die südlich von Dreieichenhain weg, waren die Flugzeuge wieder da. Und selbst im stillsten aller Momente höre ich zwischen dem Blätterrauschen noch irgendeine Straße im Hintergrund. Ich gehe dabei größtenteils durch schönen Musterwald, etwas wild, später sogar Naturpark, manchmal mit schönen Wiesen nebendran, manchmal Kleingartenanlagen. Das krasse ist: alle Sinne nehmen Stille wahr, die Ohren aber Lärm.

Eine positive Überraschung war Dreieichenhain mit einem sehr schicken, alten, aber dennoch genutzten Dorfkern …

Dreieichenhain mit Blick auf den 50. Breitengrad

… und einer wirklich gut erhaltenen und sehenswerten Burgruine (wenn man das bei Ruinen so sagen kann):

Burgruine Hayn

Das Foto zeigt nur einen kleinen Teil der Anlage, hinter den Mauern verbergen sich noch diverse Höfe, eine Kirche, weitere Mauern, ein kleiner See. Ich habe mich ganz verzaubert umgeschaut, weil ich unvorbereitet wieder mal nicht die geringste Ahnung von dem ganzen hatte. Und dann lässt uns die Gemeinde noch wissen, dass wir gerade den 50. Breitengrad überqueren. Und der sei bekanntermaßen die nördliche Grenze sinnvollen Weinanbaus. Auch schön.

Wildgatter kurz vor Messel

Aber alles hat ein Ende und so auch dieser Tag. Und wie hätte es anders sein können, meine Unterkunft liegt an einer Bundesstraße.