Im Wind

Die heutige Etappe entpuppte sich recht schnell als fast schon klassische Bergetappe, vormittags stetig bergan bis zum Gipfel, nachmittags bergab ins Tal – in diesem Fall raus aus dem Taunus nach Oberursel.

Es begann aber mit einer Enttäuschung, nach kurzer Wanderung stehe ich vor den verschlossenen Toren des römischen Kastells Saalburg – man öffnet erst 9 Uhr. Ich werde es später googlen, auch Fotos wollen mir nicht recht gelingen.

So folge ich dem Limeserlebnispfad, der komplett auf dem Bergrücken des Taunuskamms verläuft und das direkt neben dem namengebenden Limes. So recht kann ich das aber nicht würdigen. Das Wetter ist kühl, wechselhaft, sehr windig und es gibt doch ziemlich große kahle wahrscheinlich dem Windbruch geschuldetete Abschnitte. Und da stehe ich komplett im Wind und habe sogar Schwierigkeiten, geschützte Pausenplätze zu finden. Aber immerhin kann man ins flachere Land nordwärts schauen, aber so bisschen trübe ist das heute halt auch.

Blick auf Neu-Anspach vermutlich

Der Große Feldberg setzte dem noch einen oben drauf. Bei 6° und Nebel musste man schon nah ran, um die Türme und Gipfelaufbauten überhaupt zu sehen. Man ahnt es vom Foto oben, das den sogenannten Brundhildisfelsen auf der Bergkuppe zeigt. Gott sei dank gab es das Gipfelcafe, ich musste mit einem ebenfalls etwas verfrorenen Radfahrer nur 15 min warten, bis es dann auch geöffnet hatte. Kaffee, Kuchen und Wärme haben geholfen, im Übrigen gings dann ja auch wieder bergab und etwas aus dem Wind raus.

Was mich dann aber doch überrascht hat – mit ein bisschen Nachdenken wäre ich sicher auch selbst drauf gekommen – von Süden sieht der Taunus tatsächlich wie ein richtiges Mittelgebirge aus. Der Höhenunterschied von Oberursel mit 197m zum Großen Feldberg mit 879m ist beachtlich. Das habe ich zuerst ich im Rückblick auf den Roßkopf gemerkt, und überhaupt erinnert die Landschaft sehr an den Harz.

Blick vom E1 auf den Roßkopf

Einen kleinen Graupelschauer später war ich unten im Tal des Urselbachs, allerdings wieder in Begleitung einer lebhaften Landstraße. War aber schön, und am Ende überraschte dann auch Oberursel mit einem idyllischen alten Ortskern.

St. Ursula und Obergasse in Oberursel

Aber eines habe ich vermisst, die Frankfurter Skyline. Da war in Nebel und Dunst nichts zum machen, leider.

Befestigungsanlagen

Der Titel hört sich ja mächtig an. Aber erstmal fing mein Tag wegen der langen Etappe früh und schön mit dem Sonnenaufgang an. Ich hatte den ganzen Tag Wetterglück, es war abwechselnd bewölkt und sonnig, hat nur zweimal sehr kurz genieselt und war insgesamt ein angenehmer Herbsttag. Aber auch ziemlich windig, vor allem auf dem Hausbergturm, der im Wind buchstäblich gesungen hat. Und dass es frisch war, habe ich dann am Abend im Gasthof gemerkt. Ich war doch etwas durchgefroren.

Prächtiger Pilz am Rande

Der Weg verläuft praktisch den ganzen Tag durch Wald und Wiese in einem stetigen leichten Auf und Ab, das Land ist doch mehr wellig als bergig. Und es ist still – es sei denn eine Landstraße ist in der Nähe. Das ist mir heute besonders aufgefallen. Kleine Landstraßen in den Karten waren auf meiner bisherigen Strecke kleine Landstraßen, ruhig und unbeachtet. Nicht so hier. Jede noch so dünne Straße auf der Karte kündigt sich von ferne durch lebhaften Verkehr an. Es ist doch dicht besiedelt hier, auch wenn der Schinderhannespfad durch seine Wegeführung im Wald versucht, das zu vertuschen.

Aber zu den Befestigungsanlagen. Erster Höhepunkt des Tages war zweifellos der Hausbergturm. Und ebendort finden sich keltische Ringwälle, erstes Zeugnis der Besiedelung dieser Gegend. Vom Weg aus ist davon allerdings nicht viel zu sehen, ich vermute sie mehr als dass ich die Wallanlagen im Buschwerk wirklich sehe. Der Hausbergturm aber ist eine Show. Er steht ausgesprochen stämmig und stabil auf der Kuppe mit großartiger Aussicht ins Flachland und Taunus.

Hausbergturm

Das besondere ist: ganz ganz viele Bauelemente sind mit den Namen der Spender beschildert. Wirklich jede Trittstufe trägt eine Spenderplakette, viele Balken, Streben, Bretter sind mit Namen versehen. Das sind so viele, der Turm scheint von der ganzen Region getragen zu sein. Und ich habe auch meine letzten Groschen gespendet, wo sich doch Aragorn für den Turm verwendet.

Spendentafel am Hausbergturm

Und die nächste Befestigung kam auf dem Gaulskopf, und zwar für mich unvorbereitet. Im Blätterwald links des Weges zeichnete sich langsam eine ziemlich große Mauer ab. Ich rätselte noch und staunte nicht schlecht, einen komplett wiederaufgebauten Wachturm des römischen Limes vor mir zu sehen. Und man konnte rauf und sich vorstellen, wie die römischen Soldaten vor fast 2.000 Jahren aufs germanische Umland aufpassten und gleichzeitig miteinander kommunizierten. Die erste Form der Nachrichtentechnik sozusagen, Signale von Turm zu Turm.

Und am Ende war auch das noch nicht alles. Erst kam die Bundeswehr mit einem kilometerlangen Kasernenzaun („Vorsicht Schusswaffengebrauch! Der Standortkommandant“) …

Militärische Befestigungsanlage modern

… und zum Schluss lief der gut erkennbare Erdwall des Limes direkt neben dem Weg bis zum Etappenziel Saalburgsiedlung. Und da war ich doch froh, in die Bahn zu steigen, die mich zur Unterkunft in Eschbach gebracht hat.

Transfer in den Taunus

Im Frühherbst kann ich mit der nächsten Etappe ab Gießen weitermachen. Der Beginn des Tages zieht sich ganz schön. Gießen ist richtig unansehnlich und auch der Umweg an der Lahn entlang bringt nicht viel wegen des bemerkenswert lauten Lärms des nahen Gießener Rings. Aber der alternative Weg durch die Stadt sah auf Google Maps auch nicht einladender aus.

Überhaupt erinnern mich die beiden Städte Marburg und Gießen derart oft an meine unmittelbar benachbarten Herkunfts- und Unistädte Reutlingen und Tübingen. Eine ist die bekannte, von einer schönen Altstadt und vielen jungen Menschen geprägte Universitätsstadt; die andere nachkriegsgeprägt hässlich und uninspiriert, offensichtlich der missratene große Bruder. Allerdings wird in der letzteren das Geld verdient, das man in ersterer schöngeistig wieder ausgibt. So jedenfalls könnte man denken. Insider mögen bitte genaueres erfragen.

Und passend dazu ist das erste was ich in Gießen sehe, eine wirklich verstörende Dekoration zweier LKW. Irgendwas stimmt hier doch so gar nicht.

Vermögen und Armut in schöner Harmonie

Nachdem Gießen bewältigt war, musste ich mich etwas durch weites, weitgehend trostloses Ackerland quälen. Fast vollständig abgeerntet, bewölkt, windig, war es kein Vergnügen. Im langsamen Anstieg an Kleinlinden und Allendorf vorbei waren Landstraßen und die Autobahn A45 zu queren, bis der erlösende Wald des Taunus begann. Hier – unterhalb des Stoppelbergs – stoße ich dann zuerst auf Elisabethpfad und kurz darauf auf den Schinderhannespfad, die beide den Taunus durchqueren.

Schinderhannespfad (Taunus) zwischen Stoppelberg und Cleeberg

Den Stoppelberg schenke ich mir trotz des Aussichtsturms, ich habe schon genug über das weite Land geschaut. Statt dessen freue ich mich über den schönen Laubwald, der weite Teile des Tagesrests bestimmt, etwas später in schönem Wechsel mit Wiesentälern. Überhaupt wurde es – besonders im Kontrast zu Gießen – schnell still. Der Weg war fast durchweg sehr gut begehbar und gut ausgeschildert, ich musste mich also wenig auf ihn konzentrieren. Und gegen Nachmittag kam ab und zu die Sonne durch und strahlte einen frühherbstlichen Frieden aus, den ich bis Cleeberg sehr genossen habe.

Ackergrundbachtal nördlich Cleeberg

Aber ein Rätsel habe ich noch, was ist das:

Installation bei Volpertshausen

Man beachte die textilen Hütchen der acht Pfosten:

Installation bei Volpertshausen mit Hut

Nicht alles wird sich klären, der Tag aber endete sehr schön.

Sommerflimmern

Es wird heiß, es ist Ende Juni, es sind 30 Grad angesagt. Die Etappe beginnt zwischen Getreide- und Rapsfeldern, wir haben Überblick über das Land, und die Luft fühlt sich schon vormittags nach Sommerhitze an. Wir sind eigentlich schon in Marburg gestartet und nicht in Frauenberg, so sind wir erst halb elf dort und werden trotzdem noch mit Guten Morgen begrüßt. Das scheint wirklich anders zu sein, in Ostdeutschland wäre das definitiv „Mahlzeit“ gewesen. Aber ich hatte von früher schon den Eindruck, dass es in Hessen abends ruhig etwas länger dauern darf und sich die Tageszeiten dementsprechend verschieben.

Nach dem ersten Waldstück kommt schon eine Überraschung, die alte Bahntrasse der sogenannten Marburger Kreisbahn wurde zu einem Rad- und Wanderweg ausgebaut. Auf der Karte ist das nur als einfacher Strich eingezeichnet, und das kann alles heißen, von „bequemer Wanderweg“ bis ziemlich häufig „existiert nicht“. Aber hier wandert es sich derartig gut zwischen schattenspendenden Baumreihen, was unsere Laune beträchtlich heben wird. Wir gehen anschließend am Rand einiger Felder entlang und erreichen den höchsten Punkt zwischen Frauenberg und Hachborn. Ich hoffe, man kann die Hitze etwas sehen.

Blick Richtung Nordosten über Ebsdorfergrund und das Tal der Zwester Ohm

Die Gegend ist immer noch schön, aufgelockert, offen und freundlich. So geht es eine ganze Weile weiter. Wir beobachten eine Krähe, die einen wesentlich größeren Rotmilan durch beständiges Nerven aus ihrem Revier vertreibt. Wir passieren das in der Mittagsruhe friedliche Hachborn. Und wir gehen auf einem zu einer schwerlastfähigen Baustraße ausgebauten Waldweg – wie wir dann gesehen haben für einen Windpark im Bau. Der Verkehr auf dieser Baustraße war übrigens mit einer Ampel geregelt, an der ein Schild auf ein rekordverdächtiges „Rotphase dauert 19 Min.“ hinwies.

Und die Luft flimmerte über den Feldern.

Uns so kommen wir nach Staufenberg. Diesen Ort habe ich kennengelernt – bzw seine Nachkriegsversion – in dem frei erzählten Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ von Peter Kurzeck. Der Autor erzählt seine Kindheitsgeschichte in Staufenberg. Und das tut er so warmherzig, gewinnend, einfach und sicherlich auch nostalgisch, dass diese Erzählung für mich ein plausibler und immer im Gedächtnis gebliebener Gegenentwurf zu meiner ziemlich anspruchsvollen und überkomplexen Gegenwart ist. Und das ist ja nicht nur meine Gegenwart. Das Gefühl, dass mit unserer Welt was nicht stimmt, teilen viele. Und nur um Missverständnisse zu vermeiden, Peter Kurzecks Kindheit war auch voll Leid und mitnichten nur unbeschwert. Aber es war eine Welt, die der Protagonist gekannt und verstanden hat – und das ist vielleicht der entscheidende Unterschied. Wie dem auch sie, hört Euch das Hörbuch einfach selbst an.

Wir haben in Staufenberg übernachtet, und das war der Blick aus meinem Fenster:

Blick über Staufenberg Richtung Lollar und Lahntal

Zum Abschluss führte uns der Weg über eine erfreulich lange Strecke an der Lahn entlang; zwischen Kleingärten und Fluss durch eine überbordende Vegetation am sehr gemächlich dahinfließenden Gewässer.

Lahn nördlich von Gießen

Und das Ende der Wanderwoche markierte die Gießener Altstadt nebst Bahnhof, von wo wir wieder die Heimreise antreten mussten.

Nach und von Marburg

Nach der sehr schönen Burgwaldetappe des Vortages hatten wir eigentlich eher eine Überführungsetappe erwartet, weil die Landkarte doch viel Bebauung entlang des Weges erwarten lies. Wir hätten nicht falscher liegen können. Offensichtlich nähert man sich Marburg, und die gesamte Gegend wirkt sehr wohlhabend, insbesondere auch in der Neubausiedlung Michelbach-Nord 4. Bauabschnitt 🙂 Doch die Landschaft war wieder einmal und immer noch offen, abwechslungsreich und freundlich mit wechselnden Äckern, Wäldern, Wiesen, Hainen, und wir haben einiges kleines am Wegesrand entdeckt, wie man sieht:

Dazu kamen eine kleine Meerjungfraustatue am Bach, ein Indianerdorf im Wald und eine unerklärliche Lärmschutzwand an einer Bundesstraße, deren Durchgangstüre mit „Dienstweg – Nicht betreten“ beschildert war.

Und es war heiß, und so waren wir dankbar für den ruhigen und schattigen Kirchhof in Michelbach, wo wir sehr gerne gerastet haben. Zumal die Kirche über 800 Jahre alt ist.

Nach Michelbach ´überrascht uns der Studentenpfad, in dem er seinem Namen mal alle Ehre macht und wir auf einem schmalen und dornigen Pfad Richtung Marburg aufsteigen. Und irgendwann kam die Rückseite einer Fabrik, die sich zu unserer großen Freude als eine Biontechproduktionsstätte herausstellte. Die haben uns immerhin den Arsch gerettet im letzten Jahr. Die später ausgeschilderte Aussicht an der Kirchspitze kann man sich jedoch schenken, die Bäume drum rum geben nur ein kleines Blickfenster auf das Marburger Schloss frei. Fast schon spektakulär ist dann der Abstieg in engen Serpentinen am Steilhang. Und am Ende sind wir fast erschrocken, als wir plötzlich die Türme der riesigen Elisabethkirche direkt vor uns hatten, und zwar auf Augenhöhe !

Zum Glück standen in Marburg sofort Straßencafes bereit, wir waren mehr als froh über diese Pause. Marburg ist offensichtlich das Tübingen Hessens oder Tübingen das Marburg Schwabens, wie auch immer. Es ist wirklich sehr schön, naturgemäß voller junger Leute, die Altstadt besteht fast ausschließlich aus Fachwerkhäusern – und die sind hier sehr prächtig. Im Anschluss gingen wir ein kleines Stück an der Lahn entlang, mit ihren Flussufercafes, Liegewiesen und auf der anderen Seite einer bis ans Wasser bebauten Insel. Eigentlich hätten wir hier unseren Tag beenden sollen, aber die nächste Unterkunft war ja reserviert.

Hessen ist schön

Liebe Hessen! Ihr seid ein sympathisches, ausgeglichenes Volk in einer schönen Landschaft, das nicht nur von Fachwerkhäusern, Gärten und Landwirtschaft viel versteht. Aber wieso habt ihr solche Wortfindungsstörungen? In der Anfahrt in Kassel-Wilhelmshöhe konnten wir „Maiks Bretzelpoint“ gerade noch widerstehen, aber als wir in Rosenthal am Frisör „Kamm in“ vorbeigingen, mussten wir dringend in „Schnuffi’s Getränkeladen“, um unser Grauen in einem Hütt-Bier – „Aus der Knallhütte“, so der Claim – zu ertränken. Bitte besinnt Euch!

Aber sonst war wieder alles gut. Wir sind diesmal zu zweit unterwegs durch das Bilderbuchbauernland und es ist eine wirklich abwechslungsreiche und sehr lauschige Etappe gewesen. Und wir waren nicht allein im gemächlichen Tempo unterwegs:

Weil es in Haina (Kloster) keine Unterkunft gab, haben wir die Etappe geteilt und in Rosenthal übernachtet. Und dieses Städtchen hat es uns angetan. Mit nur 2.200 Einwohnern gibt es alles was man braucht, Bäcker, Lebensmittel, Tankstelle, zwei Gastwirtschaften. Man ist freundlich und entspannt – und man nimmt sich den Ortsnamen zu Herzen. Alles ist übervoll mit Rosen, es gibt das Rosenhüttchen (siehe oben) und einen Wildrosenpfad. Der Ort selbst besteht gefühlt ausschließlich aus alten Fachwerkhäusern, es gibt kaum Leerstand, die Infrastruktur ist gepflegt, die Wege exzellent ausgeschildert, neue und leserliche Hinweistafeln finden sich überall. Wir haben uns schon gefragt, woher das Städtchen das Geld hat und wieso alles so funktioniert. Wir wissen es nicht, haben uns aber gefreut. Und dann war da noch die Unterkunft Hofraithe Park, schlicht und schön in einem jahrhundertalten Ensemble auf den Resten der ehemaligen Burg. Sehr empfehlenswert!

Und der Burgwald! Wir hatten den Namen noch nie gehört und waren umso überraschter, was für ein schöner, abwechslungsreicher Wald das ist. Umgeben von teilweise parkartigem, teilweise weitgehend ackergeprägtem Land in den Tälern findet sich ein wirklich gemischter Mischwald aus echtem Mischwald, Nadel- und Laubwaldstrecken und am Christenberg überrascht ein absolut klassischer Buchenwald. Ich kann das nicht gut fotografieren, deshalb einmal mit See …

… einmal mit Parkplatzschild …

… und einmal ungewöhnlich ordentlich:

Mit etwas Mühe ist hier auch das gesamte Feld voll Fingerhut zu erkennen. Es gab sehr, sehr viele solche Felder, und im Juni sämtlich in voller Blüte. Vielleicht ist das vom stehenden Wasser in den kleinen Tälern begünstigt, das im Burgwald typisch ist. Und das begünstigt noch etwas anderes, ich weiß nicht an wie vielen kleinen Mooren wir entlang gegangen sind. Ein besonderes wegen des schmalblättrigen Wollgrases ist im Christenberger Talgrund zu bewundern:

Es war ein wunderbares Gefühl unbeschwerten Sommers. Und als sei das in dieser Gegend selbstverständlich, bietet ein Anwohner im folgenden Ort Mellnau dieses an:

Ich habe länger gezögert, aber dann doch keine mitgenommen. Ich wusste nicht, was ich im Tausch dagegen da lassen soll.

Wir sind dann noch zur Burgruine Mellnau angestiegen und haben es uns auf den Bänken und einer Liege dort bequem gemacht. Und in Sonne dösend taucht in der Ferne der Große Feldberg auf, auch nur noch eine Wanderwoche entfernt.

Der Kellerwald

Nach Bad Wildungen ändert sich der Charakter der Landschaft etwas, der Kellerwald wirkt etwas karger, bergiger, wilder. Aber das mag am weiterhin trüben Wetter oder an der Jahreszeit liegen. Aber auf jeden Fall sehenswert. Immerhin ist der (mittlere) Kellerwald, den ich heute quere, eines der größten zusammenhängenden Buchenwaldgebiete Deutschlands. So zumindest Wikipedia, das ich unterwegs konsultiert hatte.

Die Etappe beginnt allerdings mit einem im wilder und steiler eingeschnittenen Tal, dessen schöner Wanderweg direkt hinter der Altstadt von Bad Wildungen anfängt. Dieses Tal – wie die gesamte Gegend mit ziemlich viel Sturmbruch – fängt mit einem kleinen Weiher an, der noch nach Stadtpark aussieht. Kurz danach aber fängt ein kleines Naturschutzgebiet an und das Helenental wird immer wilder. Am Ende bei Odershausen ist es wirklich bemerkenswert steil eingeschnitten. Leider sind meine Versuche, das auf Fotos zu bannen, kläglich gescheitert, deshalb müsst ihr mir das einfach glauben.

Nach Odershausen geht es dann in den Wald, schon mit ziemlich vielen Buchen. Vor allem gibt es hier einige sogenannte Süntelbuchen, die sehr verkrüppelt wachsen und so selten sind, das sie als Naturdenkmal geschützt sind. Nach einigen Kilometern auf dem Kellerwaldsteig folgt Armsfeld, der Blick vom Weg auf das Dorf gibt einen ganz guten Eindruck von der Gegend wieder:

Der graue Himmel täuscht etwas, an einem strahlend blauen Sommertag mag es hier auch entsprechend lieblich sein. Und die Buchenwälder sind an heißen Tagen sowieso eine Wohltat.

So langsam habe ich mich aber wieder ans Gehen gewöhnt und so geht der Tag in ruhigem Fluss dahin. Mitten in einem wild wirkenden Tal überrascht mich eine schön angelegte Kneippstation mit 4 Zypressen (!), und kurz vor Battenberg taucht plötzlich der sehr große Fernmeldeturm Hohes Lohr im Bild auf. Aber eigentlich dominiert Buchenwald, der zu dieser Jahreszeit aber noch nicht grün war. Deshalb als Trost:

Und zuletzt kam auch wieder die Sonne durch und die nächste und letzte Überraschung des Tages tauchte in Gestalt des Klosters Haina auf. Beim ersten Anblick darf man sich nicht täuschen lassen, wir betreten Haina sozusagen durch den Hintereingang und sehen als erstes die hohen Zäune und vergitterte Fenster der forensischen Psychatrie. Dann aber erschließt sich das Klostergelände in seiner ganzen Größe und Schönheit. Offensichtlich schon Jahrhunderte wird es nicht mehr als Kloster, sondern als psychatrische Klinik betrieben und dementsprechend instandgehalten und modernisiert. Das hat auf mich wirklich Eindruck gemacht.

Und wie man sieht, war die Sonne wieder da, und ich hatte mich wieder ans Gehen gewöhnt und hätte gut weiter gehen können. Immer der Sonne nach gen Nizza.

Ein komisches Kaninchen

So schön der erste, so durchschnittlich der zweite Tag von Sand nach Bad Wildungen. Das lag zum einen sicher am trüben und kalten Wetter. Das lag sicher auch am Charakter einer Überführungsetappe mit doch recht viel befestigten Feld- und Asphaltwegen. Und an 26 Kilometer Gehen muss ich mich auch erst wieder gewöhnen. Und was total seltsam war: es hat viel weniger geblüht wie auf der vorigen Etappe. Vor allem der Waldboden war noch ziemlich winterlich kahl, das war am Vortag ganz anders. Aber trotzdem gab es schöne Ecken, wie hier oberhalb von Altendorf:

Und das Flüsschen heißt tatsächlich Elbe. Auch der Abstieg nach Bergheim an der Eder führt am Ende durch ein typisches Tal dieser Gegend, siehe Bild ganz oben.

Zum Ausgleich hat mich ein etwas behämmertes Kaninchen unterhalten, das ich gleich am Morgen getroffen habe. Das saß auf dem Feldweg am Waldrand einige Meter vor mir, und als es mich gesehen hat, ist es einfach auf dem Weg ein Stück von mir weggerannt. Hat dann angehalten und gewartet, was passiert. Wenig überraschend bin ich ja weitergelaufen und ihm wieder näher gekommen. Das Kaninchen also wieder weiter auf dem Weg. Nach dem dritten Mal fiel ihm dann auf, dass das wohl bißchen doof ist und es hat die Strategie gewechselt. Es ist plötzlich einfach auf mich zugerannt. Aber nach 20m ist ihm aufgefallen, dass es dadurch ja viel näher an mich rankommt und ich auch nicht einfach verschwinde. Also folgte die dritte Taktik, es hat sich in die Büsche geschlagen, und zwar exakt 50cm neben den Weg. Und siehe da, nach kurzer Zeit und völlig unerwartet war ich direkt neben ihm. Dann endlich ist es aufgesprungen und im Wald verschwunden. Ich glaube, nicht alle Lebewesen auf der Erde sind wirklich schlau.

Der Abschluss der Etappe durch Anraff …

… ein sehr schönes Tälchen bergauf und über Altwildungen und Schloss nach Bad Wildungen war dann noch wirklich sehenswert, auch mit trübem Himmel.

Und wo auch immer die Unterkunft ist, die Altstadt sollte auf keinen Fall ausgelassen werden.

In den Habichtswald

Das schlimmste ist überstanden.

Zumindest halte ich mich daran fest nach 2 Jahren Coronapandemie. Und mit einiger Mühe habe ich drei freie Tage zum Weiterwandern gefunden, im beginnenden Frühling. Bei strahlendem Sonnenschein geht es vom Kasseler Bahnhof Wilhelmshöhe durch einen sehr schönen Park los.

Es wirkt anfangs alles noch recht städtisch und im Rückblick sieht man mehr und mehr von Kassel, je höher es geht. Am Schloss vorbei folgen die Kaskaden zum Herkules, deren Architektur vielleicht nicht so sehr gelungen ist, aber seht selbst:

Das schlimmste kam aber noch. Aus irgendeinem Grund setzte plötzlich, laut, durchdringend und anhalten eine Sirene ein. Im ersten Moment habe ich mich gefragt, ob ich eigentlich noch weiß, welcher Sirenenton Fliegeralarm ist. Immerhin hatte Russland gerade die Ukraine überfallen. Schnell stellte sich aber heraus, das hier zwei Posaunen von Brunnenfiguren am oberen Ende der Kaskaden gespielt wurden. Wieso auch immer. Und wieso auch immer hörte das nicht auf.

Also bin ich einfach ohne Pause weiter. Und hinter dem Herkules fängt der Habichtswald an und die Stadt ist vorbei. Und das war richtig gut, weil ich das südliche Niedersachsen/Nordhessen richtig gerne mag. Ein recht kleinteiliges, abwechslungsreiches Land mit viel Mischwald, viel Wiesen, die Dörfer mit Fachwerkhäusern, roten Dächern, Blumen und Obstbäumen wir das ganze wenigstens im Sommerhalbjahr sehr lieblich, entspannt, unverkrampft, in sich ruhend. Das war genau das richtige an diesem Sonnentag. Und nach einiger Zeit durch Wald inklusive einer recht wilden Schlucht öffnet sich der Blick übers Land und ich nehme die Schauenburg oberhalb Hoof ins Visier.

Eigentlich wäre ich daran vorbeigelaufen, aber der kurze Anstieg lohnt sich wirklich. Ich habe auf dieser Etappe überhaupt ziemlich viel Ab- und Umwege genommen, meine Planung folgt ja im wesentlichen den bestehenden Fernwanderwegen, und vor Ort findet sich dann oft die eine oder andere schönere Variante. So auch hier, und nicht umsonst ist der Aussichtsplatz auf Schauenburg als „Märchenrastplatz“ ausgeschildert.

Im weiteren Verlauf war vor allem der Weg um Elmshagen herum – trotz einer kurzen ungemütlichen Landstraßenpartie – ziemlich schön, vor allem dann der Aufstieg zu Ruine Falkenstein; erneut mit „Märchenrastplatz“.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt, die Etappe war ja nicht so lang. Ein schöner Abstieg durch den Naturpark Habichtswald und das Emstal selbst führten mich an das Tagesziel im Ort Sand. Und als ich im Grischäfer vor einer wunderbaren Salatplatte mit Rinderfilet saß, wußte ich wieder: Wandern ist schön.

Durchhalten

Manche Tage sind einfach zäh, heute war einer dieser Tage. Es lag nicht an der Strecke, nicht an der Landschaft, nicht am langen städtischen Teil – es war einfach ein sehr starker frischer Wind, der an mir gezehrt hat. In der ersten Tageshälfte wechseln sich Freiflächen und Waldstrecken ab. Toll! Auf den Freiflächen steht man voll im Wind, im Wald schwanken die Bäume, kracht es allenthalben, fallen Blätter, Eicheln, Äste. Nichts davon will man haben. So habe ich den ersten Teil zwischen Tillyschanze und Wilhelmshagen dann auch ganz platt umgangen und den Uferradweg an der Fulda genommen.

Das war auch ziemlich schön.

Im weiteren Verlauf zwischen Wilhelmshagen und Simmershausen waren vor allem die Waldstrecken schön und etwas abenteuerlich, weil Wege offensichtlich aufgelassen und wenig begangen sind. Auch wenn es wirklich viele und gute Markierungen gibt – Improvisation und GPS waren hilfreich. Und da war ja noch der Wind …

Ab Hasenhecke verändert sich das ganze. Man hat zum ersten Mal weiten Blick auf Kassel, fühlt sich das erste Mal in Suburbia und folglich – zumindest mir geht das so – wartet man nur noch bis die Stadt wirklich da ist. Und das dauert.

Ich würde deshalb beim nächsten Mal von Hasenhecke nach Wolfsanger direkt die Landstraße nehmen. Als der Wanderweg sie links verlässt, habe ich mich schon gewundert. Es geht einfach in die falsche Richtung. Dann kam der erwartete Rechtsknick Richtung Wolfsanger nicht. In Open Street Maps gestrichtelt eingezeichnete Wege konnte ich nicht identifizieren (passierte ziemlich häufig in dieser Gegend). Am Ende resultierte das in einem großen Umweg, nur um doch wieder komplett Wolfsanger zu durchqueren. Das geht besser (deshalb auch die entsprechende Empfehlung auf der Etappenseite).

Nach ein paar Metern an der Fulda …

… kommt Innenstadt Kassel, soweit ohne große Überraschungen. Der Abschluss der Etappe ist aber doch spektakulär, was für Liebhaber des Stadtwanderns.

5 Kilometer Geradeausblick, davon 3 Kilometer bis Bahnhof Wihelmshöhe. An normalen Tagen wäre ich das mit Vergnügen gelaufen, am Tag des Durchhaltens habe ich die Straßenbahn genommen. Alles ist gut.